Geschichten und Anekdoten aus dem alten Ratzeburg – Teil 3: ‚Schooster Dau‘

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"Schooster Dau" (07.04.1864 - 31.01.1945). Foto: hfr
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Ratzeburg (pm). In diesem Jahr feiert Ratzeburg den 950. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erwähnung. Zu diesem Anlass planten drei Männer vor etwa einem Jahr die Sammlung und Veröffentlichung von Geschichten: Klaus-Jürgen Mohr, Vorsitzender des Senioren-Beirats, Christian Lopau, Archivar der Stadt, und Hans-Joachim Höhne, langjähriger Schulmeister. Im vergangenen Sommer suchte die kleine Redaktionsgruppe über die Presse nach passenden Beiträgen. Die Geschichten sollen die heutige und kommende Generationen an Menschen erinnern, die man mit dem Namen „Ratzeburg“ verbindet und deren Gedächtnis es wert ist, bewahrt zu werden. Mit freundlicher Genehmigung der Initiatoren werden diese jetzt auch auf Herzogtum direkt zu lesen sein. Im dritten Teil lesen Sie von „Schooster Dau“.

„Schooster Dau“
(07.04.1864 – 31.01.1945)

Johann Jochen Hinrich Dau, auf dem St. Georgsberg wohl nur als „Schooster Dau“ bekannt, lebte und arbeitete in seinem Haus in der Lübecker Straße. Er wurde am 7. April 1864 auf dem St. Georgsberg geboren und starb dort auch am 31. Januar 1945. Mancher erinnert sich noch heute an dieses Ratzeburger Original. Walter Fischer (Jahrgang 1932) schreibt:

„Herr Dau war ja nicht nur einfacher Schuster. Er war meiner Erinnerung nach ein richtiger handwerklicher Schuhmacher. Ich meine, dass sein Meisterbrief an der Wand seines Raumes, wo er arbeitete, wohnte und auch schlief, hing.

Ich erinnere mich an die Anfangszeit in unserer neuen Heimat hier in Ratzeburg. Im Januar 1942, bei eisiger Kälte, -29° C und hohem Schnee, zogen wir nach Ratzeburg in die Lübecker Straße 33. In der Lübecker Straße wohnte und arbeitete auch Schuster Dau. Zwischen ihm und mir, dem zehnjährigen Jungen, entwickelte sich eine kurze Freundschaft. Das kam folgendermaßen zustande.

Schuhe wurden durch den Krieg langsam zur Mangelware. Wir bekamen für die wärmere Jahreszeit für unsere Freizeit Sandalen mit Holzsohlen. Die Halteriemen waren an die Holzsohlen genagelt worden. Lebensdauer, na ja, nicht besonders lang. Die Nägel lockerten sich schnell. Die Riemen lösten sich. Was nun? Ärger mit Vater oder Mutter. Aber Schuster Dau wohnte ja in der Nähe. Als ich das erste Mal bei ihm anklopfte und eintrat, bekam ich doch einen leichten Schrecken. Ein alter Mann mit langem weißem Bart und einem langen weißen Haarschopf saß auf seinem Hocker inmitten allerhand Gerätschaften vor dem Fenster, von wo er einen freien Ausblick auf den Ratzeburger See hatte. Eine breite verlängerte Fensterbank diente als Arbeitsfläche und lag voll mit allerlei Gerätschaften. Bis an die Decke reichten die Regale. Belegt mit Schuhen aller Art.

Es standen viele andere Dinge im Raum. Im hinteren Teil des Raumes stand sein Bett. Es sah recht abenteuerlich aus. Es war so, dass er gleich sah, warum ich zu ihm gekommen war, und den Schaden an meinen Holzlatschen umgehend behob. Ich durfte mich auf einen leeren alten Stuhl setzen. Dabei plauderten wir und ich hatte langsam Vertrauen zu ihm. Ich glaubte, dass er auch mich auf Anhieb mochte. Es war für ihn selbstverständlich, mir geholfen zu haben. Er sagte gleich, dass er dafür keine Bezahlung erwartete.

In der Folgezeit war ich dann öfter bei ihm in der Werkstatt und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Er erzählte viel aus seinem Leben. Ich war davon überzeugt, dass er sich freute, wenn ich mal zu ihm kam. Nachdem wir dann auf die Insel zogen, hatte ich keine Gelegenheit mehr, Schuster Dau zu besuchen. Für mich ist Schuster Dau ein echtes Ratzeburger Original.“

1909, vor über hundert Jahren begann Johann Dau an seiner „Entdeckung über natürliche Ereignisse“ zu arbeiten. 1932 wurde die Schrift in Ratzeburg veröffentlicht. Sie trägt den Untertitel „Nachweis, wie die Erde, ihre Bewegung, fortbesteht; wie Lebewesen und Gewächs ihr Wachstum erhält usw. – Erforscht im Jahr 1909 von J. Dau, St. Georgsberg, Ratzeburg i. Lbg. – Geprüft ist diese Entdeckung an der Natur von der Erforschung her, bis jetzt 1932; sie ist daher ein gewissenhafter Nachweis.“

In seinem Vorwort erzählt der Verfasser, was ihn veranlasst hat, seine Naturbeobachtung anzustellen und schließlich zu veröffentlichen:

„Besuchte nur gewöhnliche Landschule und die letzten Schuljahre hütete ich im Sommer die Kühe; hatte dabei nur sechs Schulstunden in der Woche und bitte, meine Ausdrucksweise nicht als Fehler für den Nachweis anzuerkennen, denn den habe ich über 22 Jahre an der Natur genau geprüft. Kühe hüten ist nun zwar eine einsame Beschäftigung, aber in der Einsamkeit findet man Beobachtungen an der Natur mit ihren Wirkungen, die man dort in der Einsamkeit sich in Ruhe überlegen kann, was demnach auch sein gutes im Lernen hat.

1884 kann ich als Schuhmachergeselle nach Hamburg und lernte dort erst Ebbe und Flut kennen. Als keiner wusste, wie der Mond solches erzeugte, so fing ich ein Forschen danach an. 1890 fing ich hier selbständig an, machte nach der langen Sitzarbeit des Sonntags einsame Landtouren mit, zugleich forschte ich in Büchern, wie ‚Die Erforschung der Welt’ und dgl. mehr. Versuchte Vieles, als aber alles nichts nutzte, so kam ich auf den Gedanken eines Wassermühlrades, welches ohne Ende läuft bei genügend Wasser zum Antrieb. Für den Mond sein Wirken zur Flut passte es nicht, aber für Erde ihrer Bewegungen zur Sonne schien es zu passen. Ich setzte daher mein Forschen darin fort und fand dann die Wirkungen von Sonne und Mond für die Fluten auf dem Meere. Luft und Wasserströme, Wachstum für Lebewesen, Gewächs usw. stimmte alles einheitlich. Nach dieser Entdeckung fragte ich bei der Seewarte in Hamburg an, was über Ebbe und Flut bekannt sei. Sonne und Mond seien dafür bedingt, weiteres sei unbekannt, dies wurde mir mitgeteilt.

1911 warnte ich vier Tage vorher die Marine in Kiel vor starkem Sturm, der von Portugal nach Norden ziehe. Nach dem Eintreffen ersuchte die Marine mich, die Daten der vorausgesagten Stürme ihr mitzuteilen. Um dieses etwas nach der wissenschaftlichen Seite und Annahme ausfertigen zu können, schaffte ich mir Koppe-Husmann, Physik für Oberstufe an und prüfte es darnach. Erkenne an, die Physik ist genau nach dem Aussehen beschrieben, aber leider täuscht das Aussehen mich mein Prüfen an der Natur. Um Vielen ihrem Wunsch nachzukommen, meinen Mitmenschen es doch zu veröffentlichen, erfülle ich nun mit diesem Druck.“

Bisher erschienen:

Teil 1 „August Gluth“

Teil 2 „Vadder Gluth“

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