Geschichten und Anekdoten aus dem alten Ratzeburg – Teil 1: „August Gluth“

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(li.) August Gluth Fotos: hfr
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Ratzeburg (pm). In diesem Jahr feiert Ratzeburg den 950. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erwähnung. Zu diesem Anlass planten drei Männer vor etwa einem Jahr die Sammlung und Veröffentlichung von Geschichten: Klaus-Jürgen Mohr, Vorsitzender des Senioren-Beirats, Christian Lopau, Archivar der Stadt, und Hans-Joachim Höhne, langjähriger Schulmeister. Im vergangenen Sommer suchte die kleine Redaktionsgruppe über die Presse nach passenden Beiträgen. Die Geschichten sollen die heutige und kommende Generationen an Menschen erinnern, die man mit dem Namen „Ratzeburg“ verbindet und deren Gedächtnis es wert ist, bewahrt zu werden. Nicht die großen Stories wurden gesucht, sondern kleine Begebenheiten und Anekdoten, in denen das Alltagsleben im alten Ratzeburg wieder lebendig wird. Unter www.ratzeburg.de wurden bereits einige der gesammelten Beiträge der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit freundlicher Genehmigung der Initiatoren werden diese jetzt auch auf Herzogtum direkt zu lesen sein. Den Anfang machen „Vadder Gluth“ (Heinrich, Wilhelm), Teilnehmer am Krieg 1870/71 und Bademeister in Ratzeburg sowie sein Sohn August Gluth, der vor dem Ersten Weltkrieg seine Ausbildung zum Berufsmusiker erhielt und gegen Ende seines Lebens seine Lebenserinnerungen zu Papier gebracht hat.

„August Gluth“
(23.09.1886 – 11.03.1954)

August Gluth (auf dem Foto li.) war der Sohn von „Vadder“ Gluth. Er wurde am 23. September 1886 in Ratzeburg geboren und starb am 11. März 1954 in seiner Heimatstadt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt August Gluth seine Ausbildung zum Berufsmusiker. Die Jahre seiner Ausbildung und seine Militärzeit hat August Gluth gegen Ende seines Lebens handschriftlich zu Papier gebracht. Seine Aufzeichnungen tragen den Titel „Das Karussell meines Lebens – Vier Fahrten rund um die Musik“. Später wurde August Gluth Beamter, blieb der Musik aber stets verbunden. Von 1925 bis 1931 wirkte er als Chorleiter des „Sängerchors Feierabend“ und auch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verdiente er seinen Lebensunterhalt vorübergehend wieder mit der Musik. In den hier ausgewählten Passagen erzählt Gluth in seiner unverwechselbaren Art von seiner Kindheit in Ratzeburg und seinen ersten Begegnungen mit der Musik.

August Gluth „Das Karussell meines Lebens. Vier Fahrten rund um die Musik“
Den ersten Begriff von der Musik habe ich, soweit ich mich erinnere, als ich an einem Jahrmarktstag mit meinem Vater und meiner Mutter vor Vespermanns Karussell stand und die Orgel so schön spielte. Auf diesem Karussell habe ich auch meinen ersten Musikunterricht bekommen. Mein erster Lehrmeister ist Willi Vespermann gewesen, der 1926 mit seinem elektrischen Karussell bei der Überfahrt nach Amerika untergegangen ist. Das alte Karussell seines Vaters wurde von uns Jungens ganz allein bedient. Sind das heute Karussells, die wie der Teufel alleine laufen? Ich sage nein. Das alte Karussell war viel schöner. Das war für uns Jungens aber auch nicht so leicht, an den Jahrmarkt- oder sonstigen Festtagen bei dem Karussell anzukommen.

Das erste Jahr musste man für den Wohnwagen alles besorgen, Wasser tragen, einholen usw. Das zweite Jahr wurde man bei dem Karussell als Schieber oder Bremser angestellt. Das dritte Jahr kam man dann in die Karussellkapelle. Man durfte zuerst den Triangel schlagen und arbeitete sich dann über kleine und große Trommel so langsam an die Orgel ran. Willi blies dazu die Trompete und zeigte uns, wie es gemacht werden musste. Wir waren damals die eifrigsten und willigsten Musikanten ohne Entschädigung. Was hatten wir aber auch für schöne Stücke auf der Orgel. Die waren, glaube ich, extra für das Karussell geschrieben. Wenn der Soldat mit seinem Mädchen da herumfuhr, und wir spielten zu solcher sinnigen Fahrt „Fischerin du Kleine, zeig mir deine Beine“, dann konnte es vorkommen, dass sie das Lied tatsächlich wörtlich nahm. Dann wurden sie sich manchmal bei uns auf dem Karussell schon einig.

Heute legt man die erste beste Schallplatte, die man gerade fasst, auf und spielt: „Du kannst nicht treu sein.“ Und dann wundern sie sich, dass sie sich nicht einig werden können. Das einzige, welches heute ein bisschen dagegen aufgeregt ist, dass es heute toller läuft. Die Mädchen werden da sowieso schon von benommen. Damals machte es die Musik und jetzt das Tempo. Na, das bleibt sich ja dann wohl auch gleich.

Eines Tages war es dann soweit. Ich sagte zu meinem Vater: „Ich wünsche mir von Euch zu Weihnachten eine Violine!“ „Ja“, sagte mein Vater, „die sollst Du haben, ich mache Dir eine.“ – „Kannst Du denn eine Violine machen?“ fragte ich ihn. „Mann“, sagte er, „ich als gelernter Böttcher und dann keine Violine machen? Ich konnte schon mit vierzehn Jahren einen großen pottdichten Schweinekübel machen, und dann keine Violine? Junge, was glaubst Du von Deinem Vater? Die Geige bekommst Du!“ Damit war er mich erst einmal los. Der Weihnachtsabend kam heran und mit ihm musste ja auch die Violine ankommen. Aber nein, sie war nicht da. „Vater, Du wolltest mir doch eine Violine machen!“ „Ja“, sagte er, „Junge, ich hatte sie auch schon fix und fertig, und da wurde ich gewahr, dass ich den Leimgott darin vergessen hatte, und da habe ich das olle Ding wieder kaputt geschlagen. Aber haben sollst Du noch einmal eine!“ Er konnte seinem zehnjährigen Jungen ja auch unmöglich die Wahrheit sagen, dass für so ein Stück einfach kein Geld da war. Meine Geige habe ich aber doch später bekommen. Wie meine guten Eltern die Anschaffung fertig gebracht haben, weiß ich nicht. Nun konnte es dann ja los gehen, das Musikmachen. Hast du schon einmal eine Geige in der Hand gehabt und versucht, ein kleines Stück zu spielen? Ja, ja, da kommst Du schön an, du kannst auch nichts mit dem Instrument anfangen. Mein alter Freund Schuster Pinko sagte immer: „Musik machen ist gar nicht so schwer, wenn das Fingerieren nicht dabei wäre.“ (Das ist der alte Schuster, der den Namen von seinem Hund bekommen hat, und der Hund den Namen von ihm. Er hieß Bongo und der Hund hörte auf den Namen Pinko. Er wurde aber auch immer Schuster Pinko genannt. Und der Hund Bongo.) Ich sage, ehe Du auf der Geige auch nur einen Strich machen kannst, musst du schon eine Woche üben, und ehe du ein kleines Stück spielen lernst, sind schon zwei Monate vergangen. Dabei wird dann den meisten Spielern die Zeit zu lang. Darum stehen auch so viele Instrumente in den Hausständen herum, die kein Mensch anrührt. Aber man hat doch sein Pianoforte zum Angeben und die Mäuse und Motten in der Etagenwohnung.

Ich kenne verschiedene Damen, die reden in der Gesellschaft nur immer von ihrem Flügel und vom guten Unterricht, den sie gehabt haben. Sie können nur kein einziges Stück auf dem Flügel fehlerfrei spielen. Das ist ähnlich so wie mit meinem alten Bataillonskameraden Tetze Fischer. Tetze war ein sehr guter Geiger, nur mit dem Blasinstrument konnte er sich nicht anfreunden. Der Kapellmeister holte ihn einmal vor und sagte: „Fischer, Sie können die Rolle ja immer noch nicht blasen!“ – „Ja, dann habe ich wohl ein Blasenleiden“, meinte Tetze trocken. Der Kapellmeister erzählte dieses Stück dem Hauptmann und der hielt es für wichtig, dass Tetze drei Tage lang sein Blasenleiden auskurieren konnte. Vater Philipp [die Arrestzelle] konnte ihm aber auch nicht helfen. Er hat das Leiden behalten.

In der Zeit fragte einst der alte Schneider Sneerband meinen Onkel Fritz: „Sag mal, deiner Schwester Sohn hat nun ja wohl schon eine Geige, hat der Bengel denn überhaupt musikalisches Gehör?“ – „Haha“, sagte mein Onkel, „der kann dies genau hören, wenn die Musik anfängt und wenn sie aufhört!“ Das war für den alten Schneider nun schon allerhand Leistung, denn er war auf dem einen Ohr stark taub und mit dem anderen konnte er auch nur hören, wenn man ihm da hinein schrie, dass man es auf 300 Meter Entfernung verstehen konnte. Nun fragte mich mein Onkel: „Kannst Du eigentlich schon etwas auf der Violine spielen?“ – „Ja“, sagte ich, „ich bin da schon voll mit im Gange. Jürn Langhoff sagte kürzlich zu mir, es höre sich gerade so an, als wenn sich ein paar Tafelschweine bei den Ohren haben. So quikiliere das.“ – „Dann ist es gut“, meinte mein Onkel, „dann wird es auch gut, dann kommt ja wenigstens schon etwas heraus. Besser etwas als gar nichts.“

Ich bekam nun auch schon von allen Seiten Anregungen. Meine Tante Lina sagte zu mir: „Wenn du mir den Schäfertanz vorspielen kannst, bekommst Du von mir zwei Groschen.“ Also ging es auf den Schäfertanz los und in zwei Wochen konnte ich meinen Verdienst einheimsen. Sie hat aber noch einen Groschen zugelegt, weil ich es zu schön gemacht hatte. Ich hatte mir das Stück fein und grob eingeübt. Bei den Versen: „Es trieb ein Schäfer seine Lämmer, Lämmer aus, er trieb sie wohl für den Edelmann sein Haus“ spielte ich „grob“. Nur bei den Worten: “Ach Edelmann, ach Edelmann, verschon sie doch mein Leben, ich will Euch hundert meiner Lämmer dafür geben“, steckte ich unsern alten engzahnigen Kamm hinter das Steg auf die Saiten, damit es ganz leise klinge. Tante Lina hat dabei ein paar Tränen laufen lassen, dass sie sich zu dem großen Entschluss durchrang, das Honorar um 50 Prozent aufzubessern. Zuletzt war ich schon so weit, dass ich meinen Onkel Fritz das alte französische Lied begleiten konnte, welches er immer sang, wenn er einen getrunken hatte, du darfst aber bei dem „mit didali, pinka, panka, parla vous“ das war der Refrain des Liedes, nur mit einem Finger anspielen, hatte er mir eingepaukt. Er meinte damit, ich sollte bei der Stelle pizzicato machen.

Einmal bei einem Volksfest saßen die alten Krieger von 70/71 nach dem Aufmarsch bei Johann Bohn im Garten und tranken dort eine Tonne Bier aus. Zuletzt sollte mein Onkel ihnen wieder das alte französische Lied vorsingen. Er erklärte, er könne nur noch singen, wenn ich dazu auf der Violine spiele. Was wurde davon? Es wurde eine Patrouille losgeschickt, die mich auf dem Fest platz greifen und mit der Geige zur Stelle bringen musste. Dies ist nun mein erstes öffentliches Auftreten gewesen und brachte mir fünf Groschen ein. Soviel Geld hatte ich noch nie für mich in der Tasche gehabt, denn mein Vater hatte mir mit großem Stolz erklärt, dass ich die fünf Silbergroschen behalten und auf dem Festplatz verzehren dürfte. Mein Gott, was für Geld damals! Das erste, was ich tat, ich wechselte mir die fünf Groschen in lauter Pfennige ein. Da hatte ich erst Geld in der Tasche. Fünfzig Geldstücke waren ja gar nicht durchzubringen. Ich in meiner Freude zeigte meiner lieben Mutter mein Vermögen und die meinte dann: „Weißt du, mein Junge, Vater ist an diesem Festtage immer etwas weichherzig und hat dir in seiner Gutheit das ganze Geld überlassen. Hier hast du 15 Pfennige, die verzehre, den Rest stecke ich in deine Sparbüchse.“

Die Geigenkunststücke hatte ich mir alle selbst gelernt, aber was nützt das? Man kommt nicht voran. Ich musste also einen Lehrmeister haben. Hierbei hatte aber wieder der Geldbeutel ein großes Wort mitzusprechen. Folglich musste ein Ausweg gefunden werden, und das kam auch in Ordnung. Ich musste als Gegenleistung für den Unterricht die Laufereien in dem Hausstand des Lehrmeisters besorgen. Ich kann wohl behaupten, dass ich bei diesem Geschäft auf Gegenseitigkeit gut abgeschnitten habe. Der Sologeiger unserer Bataillonskapelle nahm sich meiner an und hat mir eine Grundlage mitgegeben, die heute noch vorhält, das sollte aber noch mal besser kommen. Mein Lehrmeister erklärte meinem Vater, wenn ich einmal den Beruf des Musikers ergreifen sollte, müsste ich auch ein bisschen auf dem Klavier Bescheid wissen, denn das Klavier sei das Instrument der Zukunft. Er hat Recht behalten. Die Klavierbesetzungen wurden in der Zeit, wie ich mein Geld mit Musik verdienen sollte, immer mehr verlangt. Mein Klavier bekam ich schneller als damals die Violine. Nun stand es Endgültig fest, dass ich Musiker werden wollte.

Ich vergess es nicht, als wir Konfirmanden uns von unserem alten Pastor verabschiedeten. Er fragte jeden von uns, welchen Beruf er sich gewählt habe. Wie er hörte, dass zwei von uns als Musiker ausgebildet werden sollten, mussten wir vortreten, und er hielt uns allen noch eine Abschiedspredigt. Er sagte zum Schluss: „Nun sehr Euch mal die beiden genau an. Die haben sich einen himmlischen Beruf erwählt. Seht mal, Kinder, wir wissen so wenig vom Himmel und was sie dort treiben. Nur das eine wissen wir gewiss, dass dort oben mit Pauken, Trompeten und Posaunen Musik gemacht wird!“ Ich war froh, dass er damit abbrach, denn ich hatte Angst, dass er uns beide da gleich oben anstellen wollte.

Das Original wurde von August Gluth in Sütterlin-Schrift verfasst. Zwei Seiten seiner Aufzeichungen können unter www.ratzeburg.de/media/custom/1281_6899_1.PDF?1331898155 eingesehen werden. Die „Übersetzung“ der Aufzeichnungen in Normal-Schrift wurde von Werner Praetorius angefertigt, dem derzeitigen Vorsitzenden des Sängerchors Feierabend.