Stromnetz: Anstieg der Abregelungen durch Engpässe in Schleswig-Holstein erwartet

Habeck: ""Klares Signal, dass der Netzausbau bundesweit vorangetrieben werden muss""

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Aufgrund weiter drohender Überlastungen im Stromleitungsnetz sind in Schleswig-Holstein 2017 knapp 3.000 Gigawattstunden Strom aus Erneuerbaren Energien an Land abgeregelt worden. Foto: Anders
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Kiel (pm). Aufgrund weiter drohender Überlastungen im Stromleitungsnetz sind in Schleswig-Holstein 2017 knapp 3.000 Gigawattstunden Strom aus Erneuerbaren Energien an Land abgeregelt worden. Das geht aus den aktuell veröffentlichten Zahlen der Bundesnetzagentur hervor. Das entspricht rund dreizehn Prozent der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien (EE) im Land. Damit sind die Abregelungen für Anlagen an Land um rund 10 Prozent gegenüber dem windschwachen Vorjahr gestiegen.

„Bundesweit verzögert sich der Netzausbau“

„Die Netzbetreiber sind in der Pflicht die Stromnetze bedarfsgerecht auszubauen. Der Anstieg der Kosten für Einspeisemanagement ist ein klares Signal, dass der Netzausbau weiterhin energisch vorangetrieben werden muss. Die Landesregierung Schleswig-Holstein und die beteiligten Netzbetreiber sind dabei bereits auf einem sehr guten Weg. Die Netzengpässe haben sich mittlerweile zunehmend ins Höchstspannungsnetz verlagert. Abhilfe werden hier absehbar die neuen 380 kV-Leitungen in Schleswig-Holstein schaffen: Die Westküstenleitung ist bereits im Bau, die Mittelachse wird verstärkt und auch die Planung für die Ostküstenleitung schreitet konsequent voran. Bundesweit hat sich der Netzausbau aber leider erheblich verzögert, etwa bei entscheidenden Großprojekten wie Südlink. Diese Verzögerungen wirken sich auch negativ auf Schleswig-Holstein aus. Der Bund und die anderen Bundesländer müssen hier endlich nachziehen und auch politisch für den Leitungsbau einstehen. Stromnetzausbau bedeutet, wie nahezu jeder Infrastrukturausbau, zweifelsohne einen Eingriff in die Lebensumwelt, die Alternative wäre aber, länger Kohle- oder Atomstrom zu produzieren“, sagte Energiewendeminister Robert Habeck gestern (18. Juni), „Ziel muss es sein, für eine erfolgreiche Energiewende und zur Erreichung der Klimaschutzziele die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien bundesweit weiter zu steigern, ohne vermeidbare zusätzliche Kosten hervorzurufen.“

Mehr Strom aus Erneuerbaren Energien

Angesichts des windstärkeren Jahres 2017, der weiter gestiegenen installierten Leistungen und der zunehmenden Einspeisungen in die Netze von SH Netz und Tennet erwarten das Energiewendeministerium und die Netzbetreiber eine Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien im Jahr 2017 von rund 21,6 Terrawattstunden. Dies ist ein Anstieg um gut zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr 2016. „“Damit ist die in die Stromnetze aufgenommene Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien weiter und deutlich angestiegen – ein Indikator dafür, dass Netzausbau- und Netzmanagementmaßnahmen in Schleswig-Holstein zu wirken beginnen“, so Habeck.

Der Anteil der Abregelungen aufgrund von Engpässen im Höchstspannungsnetz liegt weiterhin bei über 92 Prozent. „“Das unterstreicht noch einmal die Dringlichkeit, die Stromautobahnen in ganz Deutschland weiter auszubauen““, ergänzte der Energiewendeminister. Allerdings würde sich die Situation deutlich dramatischer darstellen, wenn in Schleswig-Holstein in den letzten Jahren nicht so starke Fortschritte beim Netzausbau gemacht worden wären. Mittelfristig sei zu erwarten, dass die zunehmende Verfügbarkeit des Höchstspannungsnetzes den Anteil der abzuregelnden EE-Strommenge maßgeblich beeinflussen wird, so der Minister. So können beispielsweise entlang der Westküste durch die Inbetriebnahmen von weiteren Abschnitten der Höchstspannungs- und 110-kV-Zubringerleitungen sowie der neuen Höchstspannungsumspannwerke mit Anbindungen des Verteilnetzes in den Bereichen von Heide, Husum, Niebüll und insbesondere in der Mittelachse in der Nähe von Flensburg (Umspannwerk Handewitt) Abregelungen aufgrund von Netzengpässen in Schleswig-Holstein weiter sinken. So wurde im Januar 2018 der erste Abschnitt der Mittelachse von Hamburg/Nord bis Audorf in Betrieb genommen, die Inbetriebnahme des zweiten Abschnitts der Westküstenleitung von Süderdonn bis Heide wird ebenfalls in diesem Jahr erfolgen. Darüber hinaus verbessert TenneT die Übertragungskapazitäten auf der Elbekreuzung 2 und vervierfacht damit deren Transportkapazitäten für Energiewendestrom.

NEW 4.0

Um abgeregelten Strom künftig besser zu nutzen, wurde im Zuge des Projektes Norddeutsche Energiewende 4.0 das Konzept für die ENKO Plattform (Energie intelligent koordinieren) von SH Netz und ARGE Netz entwickelt: Hierzu wird ein Algorithmus programmiert, mit dessen Hilfe Netzengpässe bereits am Vortag prognostiziert werden können. Dies ermöglicht es, zuschaltbare Lasten auf der ENKO-Plattform auszuschreiben. Als Koordinationsplattform vermittelt ENKO die zur Behebung der Netzengpässe geeignetsten Flexibilitätsangebote. Ziel ist es, mehr lokal erzeugten erneuerbaren Strom vor Ort zu nutzen. ENKO startet diesen Sommer eine Live-Simulation und wird Ende 2018 in den Echtbetrieb übergehen.

Weiterhin gilt es zu verhindern, dass Reststrommengen auf norddeutsche Atomkraftwerke übertragen werden können. Energiewendeminister Robert Habeck begrüßte, dass der Bundesrat Anfang Juni einem Antrag von Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern zugestimmt hat, in der die Bundesregierung aufgefordert wird, die Übertragung der Restrommengen auf norddeutsche Atomkraftwerke notfalls gesetzlich zu verbieten.

Hintergrund

Durch die zielgerichtete Zuschaltung von kosteneffizienten Lasten vor einem Netzengpass können die temporären Abschaltungen von Erneuerbare Energien-Anlagen reduziert und die Kosten der Engpassbewirtschaftung (z.B. Redispatch, Beschaffung von Regelleistung) gesenkt werden. Zuschaltbare Lasten sind zugleich ein wichtiger Schritt in ein von Erneuerbaren Energien durchdrungenes Energiesystem. Anstatt Windräder, PV-Anlagen und Biogasmotoren vor dem Netzengpass abzuschalten, gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Strom sinnvoll zu nutzen und die Flexibilität des Netzes zu erhöhen. Dieser Ansatz wird auch im Förderprojekt NEW 4.0 (Norddeutsche Energiewende) verfolgt.

Durch die Umwandlung von Strom in Wärme („Power to Heat“), Wasserstoff, weitere Speichermedien, Industrieanwendungen, Kühlhäuser, Elektromobilität und vieles mehr können Lasten zugeschaltet werden. Die konkrete Form der zuschaltbaren Last lässt sich wettbewerblich und diskriminierungsfrei ermitteln. Durch die Nutzung des Stroms werden nicht nur die Kosten der Engpassbewirtschaftung reduziert, sondern wird auch die Energiewende in den Sektoren Wärme, Verkehr und Industrie unterstützt.