Leserbrief: ‚Re-think‘

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Bild von Kathleen Bergmann auf Pixabay
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In den längeren Zugängen zu Metrostationen habe ich vor ein paar Jahren in Kanada immer wieder Plakate gesehen, auf denen ein Appell „Re-think everything!“ zu lesen war. „Nothing could be more unrealistic than to keep everything the way it is and expect different results. We need to rethink everything according to a different logic“. Ähnliche Plakate habe ich auch später in Finnland gesehen. „Re-think!“ war auch mal ein Plakat bei einer Antikriegsdemo in San Francisco. „Re-think, Recycle!“ kennt man von den Grünen schon Jahrzehnte lang. In diesen Tagen sah ich auf einem vorbeifahrenden Laster in Ratzeburg die Werbung für „Re-FOOD“. Die jungen Menschen verlangen bei Demos überall auf der Welt in ihrem „modernen“ Jargon: „Refuck the world!“ was man auch als „re-think“, „re-organize“ verstehen könnte, oder?

Dass mit der Welt etwas nicht in Ordnung ist, sickert sogar in die „mainstream media“ durch. Und in den unzähligen Büchern die unsere „posthumanistischen“ Zeit beschreiben. Nun haben wir eine große „Pause“, eine Entschleunigung. Millionen und -zig Millionen Menschen bleiben zu Hause, die Straßen und Plätze sind leer. Was tun die meisten in den Zeiten der größten Krise: nur ängstlich auf neuesten Nachrichten warten? „Wir sind im Krieg,“ sagte der französische Präsident Macron „unser Feind ist unsichtbar.“ Das ist neu. Feindbilder waren immer gut bekannt und Jahrzehntelang „gut gepflegt“. „Der unsichtbare Feind“ verwirrt Menschen und macht ihnen noch mehr Angst als sie schon immer hatten – vor dem Krieg, vor Hunger, Flucht, Arbeitslosigkeit, Altersarmut…

Unsere PCs und Handys laufen heiß, da von uns verlangt wird, dass wir soziale Kontakte meiden sollen. Aber bringt es uns weiter, oder verstärken wir durch E-Gespräche nur unsere Ängste und Hilflosigkeit? Das Hirn arbeitet ja immer auch nachts, und das ist ein Wunderwerk (sagen uns Wissenschftler – Ob sie recht haben?). Könnten wir in der großen Pause, in der unfreiwilligen „Entschleunigungzeit“, vielleicht was ausdenken, mit „Re-think“ gedanklich spielerisch etwas anfangen? Und zwar in allen Bereichen des Lebens, es gibt ja so viele Denkanstöße von allen Seiten. Die „Re-think“ Welle ist gut im Internet vertreten.

„There is no such thing as society“ – „Es gibt sowas wie Gesellschaft gar nicht“, sagte mal die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher. Sie meinte womöglich die Zerrissenheit, Polarisierung, unterschiedliche Interessen in jedem Land, viele Gesellschaften in einem. Aber jetzt, wo „corona“ jeden potenziell betrifft (wenn auch nicht jeden trifft) entsteht schon eine mehrheitliche Gemeinschaft, die sich solidarisch verhält und für diejenigen, die „an der vordersten Front“ sind, die große Dankbarkeit fühlt.

Die Coronakrise umfasst die ganze Infrastruktur, lähmt die Wirtschaft und… das Nervensystem der Menschen. Werden wir in Starre verfallen oder unser „Wunderwerk“ so auf Trab bringen, dass wir eine neue „Sternstunde der Menschheit“ erleben? Im chinesischen bedeutet das Wort Krise ja gleichzeitig Chance. „Soziale Kontakte meiden“ klingt jeden Tag in den Medien. Im Gegenteil vielleicht – Kontakte intensivieren und als Chance begreifen, für „Mehr Miteinander“, mehr Kommunikation, aber auf sicherem elektronischem Wege? Es ist uns doch so viel Zeit zum Denken geschenkt worden! Ohne Kaffee und Kuchen bloß zusammen denken. Eine Art brain storming.

Das Rathaus in Ratzeburg ist für die Öffentlichkeit jetzt zu. Aber es gibt einen Briefkasten für Vorschläge, Ideen, Gedanken. Und das Spazierengehen ist noch nicht verboten, auf den schönen Wegen um den See einander zu zu winken und dabei lächeln ist noch erlaubt.

In so einem idyllischen Städchen mit einem Großteil von älterer Bevölkerung wie Ratzeburg wird der Appell „Re-think!“ „Denk anders!“ eher nicht bejubelt, denke ich. Aber ich kann ja falsch liegen? In manchen Städten in Norddeutschland, wo Menschen von dem im März begonnenen – größtem seit dem Ende des Kalten Kriege – Militärmanöver „Defender 2020“ nichts gutes erwartet haben, gab es Proteste und Appelle: „Sicherheit neu denken!“. Die Truppenbewegungen sind wegen „corona“ abgebrochen worden, wie die Presse annonciert hatte. Bleibt es das einzige Positive vom „corona“?

Die g l o b a l e Coronakrise macht das Denken schneller, wenn auch unruhiger oder hektischer, das gute Denken braucht aber Muße und Ruhe. „Globalisierung ist an allem schuld!“ als panische Reaktion hilft nicht weiter. „Woher kommt corona?“ – auf diese Frage gibt es gute Antworten von Virologen. Die Menschheit ist seit Jahrhunderten vernetzt, untereinander genetisch „vermischt“. Und eine Impfung gegen corona wird für die ganze Menschheit hergestellt und nicht für die Ausgewählten…

Vera Bade