Lesebrief: Mehr als ‚Beinchen schwingen‘ beim Jazz in der Kirche

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Am letzten Tag des Februar hat das „Emile Parisien Jazzquartett“ den Jazzfans in der Ratzeburger Petrikirche einen unvergesslichen Abend geschenkt. Es kamen viele, über hundert Menschen – aus Ratzeburg wie aus der Umgebung, um das erste Konzert dieser Jazzgruppe in dem idyllisch gelegenen Städtchen zu genießen.

Es kam für viele Zuhörer anders als erwartet, falls sie an verträumten leichten Genuß mit „Beinchen schwingen“ gedacht haben. Die Profis dabei wussten natürlich, wie Musikkritiker schreiben, von der Mischung von „free jazz“, „avant-garde vocabulary“ und „characteristics of the digital age“, die das „Emile ParisienQuartett“ auszeichnet…

Zunächst dachte ich mir, dass meine Wahrnehmung vielleicht nicht mit den Eindrücken der anderen Zuhörer zu vergleichen wäre. Nach einer ruhigen „Aufwärmung“ vermittelten die Musiker so viel Tempo und etwas düstere Intensität der Gefühle, dass selbst manche Jazzfans sicher nachdenklich geworden sind (das war auf deren Gesichtern zu sehen). Schade, dass die Menschen nicht länger nach dem Konzert geblieben sind, um miteinander zu besprechen, was sie gerade gehört und miterlebt haben.

Irgendwann später, denke ich, wird es in der Kirche auch diese Möglichkeit geben (wenn es schon so weit geht, dass Jazz und damit das Leben „from outside“ in die Kirche eingelassen wird), dass Weingläser dort abgestellt werden, wo Gesangbücher beim Gottesdienst stehen. Es gab ja viel zu besprechen. Dieses Jazzquartett war ungewöhnlich in dem, welche Stimmung es im Saal erzeugen konnte. „Ich höre Alarm und Warnung“, sagte ich einem neben mir sitzendem Pastor. „Ja, ich habe eben auch daran gedacht“, antwortete er.

Künstler sind bekanntlich hochsensible Menschen, die früher als „Normalos“ aufnehmen, was „in der Luft“ hängt, wie sich Menschen fühlen. Künstler sollten deswegen in manchen Fällen wie „Frühwarnsysteme“ besondere Aufmerksamkeit bekommen, unter „Artschutz“ gestellt werden. Ich hörte bei „Emile Parisien“ die Unruhe und Sorgen unserer Zeit. Die Ängste, den Kriegen und Pandemien ausgeliefert zu sein, die niemand will und die sich doch in der Welt ausbreiten. Vielleicht kommt Krieg auch nach Europa (die Übung ist ja in Norddeutschland schon mit „Defender 2020“ gestartet)?

In der Musik der Jazzmusiker war – für mich – die Sinnlosigkeit und Brutalität aller Kriege zu hören, mal helle Vogelstimmchen dazwischen, die gleich unterdrückt wurden. Der Strudel der Ereignisse, Hektik und Ausbruch der dunklen Kräfte war für mich besonders bei dem irrsinnig starken und schrecklichen Paukenschlag des jungen Percussionists zu hören.

War ich als gebürtige Russin zu sehr unter dem Eindruck der Medienmeldungen über die Militärmanöver, die für mehrere Monate geplant sind? Oder unter dem Eindruck des vor kurzem gesehenen Films „1917“? Womöglich.

Nur: in der Pause bekam ich Bestätigung von drei Menschen, dass sie auch Warnung und Alarm in der Musik gehört haben. Also, ich war doch nicht allein mit meinen Sinnen. Wenn die Mitteilung der „Jazzmusiker anderer Art“ doch bei mehreren Zuhörern wie bei mir angekommen ist, dann befinden sie sich mitten in unserer unruhiger Zeit, im schwierigen Jahr 2020. Es ist eine Zeit, die mehr das Nachdenken und Aufwachen, bloß „Beinchen schwingen“ braucht.

In der Zugabe übrigens hat das Quartett, nach meiner Empfindung, ein normales Menschenleben dargestellt, auch mit seinem Tempo und Wirrwar, aber als Kontrast zu dem Irrsinn der Auslieferung an die Gewalt. Als, quasi, ein Appell: bewahrt den „normalen Wirrwar“! Ich hatte die Chance, den Musikern am nächsten Morgen dafür zu danken. Sie waren schon auf dem Weg nach Essen, danach geht es nach Helsinki, Tampere und weiter…

Vera Bade