Leserbrief: Mehr zusammen, weniger im Alter allein

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Hallo, Ratzeburger!

In einem Film habe ich vor ein paar Jahren gesehen, wie ein Museumsdirektor versuchte, die träge Bürgerschaft in seiner Stadt mittels moderner Kunst aufzurütteln. Auf einem beliebten Platz rund um ein Monument wurde mit einer leuchtende Linie ein quasi kleines Territorium abgegrenzt. Da konnte sich jeder Bürger mit einem Plakat hinstellen wie z.B.: „Könnte jemand mit mir eine halbe Stunde reden? Mein Vater ist gestern gestorben.“ oder „Könnte mich jemand zum Essen einladen?“ Es wurden auch Videos gezeigt, deren Ziel war, die Menschen für`s Mitgefühl mit Leidenden auf dieser Welt anzusprechen.

Gerade eben ist in Ratzeburg eine Serie von Gesprächen mit Nachbarn in der Vorstadt, auf der Insel und auf St. Georgsberg gelaufen zum Thema „Warum allein?„. Die Infoblätter waren zahlreich überall in der Stadt verteilt worden. Richtig erreicht haben sie leider nicht viele – am 09.09 in der St. Ansverus Kirche waren es zirka 20 Personen zusammen mit den Organisatoren der Initiative, dem Moderator und dem Bürgermeister Gunnar Koech. Von den Bewohnern von der Insel und von St. Georgsberg kamen dann zur Gesprächen noch weniger.

Gerade deswegen wurde klar, wie notwendig es ist, die Leute in diesen drei Stadtteilen zum Aufeinandergehen aufzumuntern, damit die Vereinsamung der Menschen nicht voranschreitet. In verschiedenen Studien aus vielen Bundesländern kommt das traurige Bild ans Licht: wegen des demografischen Wandels, das heißt Alterung der Gesellschaft, wird eine zunehmende Zahl der Bürger allein ihren Alltag bewältigen müssen. Unter den jüngeren gibt es auch eine zunehmende Zahl einsamer Menschen. Die Gründe dafür sind nicht nur, dass die Jugend den direkten soziale Umgang durch die massive Digitalisierung (Computer- und Handysucht) gar nicht erst erlernt. Die Gründe gehen noch tiefer und werden in den Medien nun endlich diskutiert.

„Wie erreichen wir die einsamen Menschen, die sich nicht trauen, aus ihren vier Wänden rauszukommen?“ „Wie fördern wir nachbarschaftliches Engagement?“
„Wo gibt es einen gemeinsamen Ort, wenn man nicht an die Kirchen angebunden sein will?“ Es wurden Orten in den Stadtteilen genannt, wo Menschen eigentlich zusammen kommen könnten – zum Reden und einander Kennenlernen, erstaunlich viele Orte, aber nur in der Theorie: Außer Kirchen und deren Einrichtungen auch Sporthallen (nicht gerade für die Älteren), Spielhallen (auch nicht), Kleingartenkolonien, „Der Anger“ am Barkenkamp, Badestellen, Restaurants und Cafés, grüne Freizeitflächen etc. Bloß mit einer entspannten und spontanen Kommunikation (außerhalb der Gastronomie) klappt es doch nicht.

Es ist Tatsache, dass 36 Prozent der Ratzeburger über 60 sind. Früher kannten Gemeindeschwestern die Nöte der Einsamen, heute sind das meist Pflegekräfte. „Das WIR-Gefühl fehlt“, war zu hören, „Kulturleben fehlt“. „Busse fahren zu selten und am Wochenenden muss man ein Taxi nehmen – falls man Geld dafür hat und falls man ein Taxi findet“. Auf der Insel zieht zwar der Filmclub mit tollen Filmen im Burgtheater oft viele Menschen an; für Gespräche danach aber gibt es keine passende Ecke. Filme wirken zwar gerade kommunikationsfördernd, aber im Herbst und Winter können nur Inselbewohner das Burgtheater leicht erreichen. Wären Pendelbusse zum Kino vielleicht die Lösung?

Die Jüngeren in der Stadt haben natürlich eine andere Art der Kommunikation und andere Ziele. Gut, dass es die Bewegung „Friday für Future“ mit ihren vielen „grünen Enthusiasten“ gibt als Hoffnung, dass die Einsamen einbezogen werden. Am 20.9 erwartet die Bewegung, dass ihr Appell an die Erwachsenen, mitzumachen, gehört wird und die Klimademos auf dem Globus („Global Climate Strike“) Generationen zusammenbringen.

Bei den drei ersten Treffen des Projekts („Warum allein?“) sind einige Ideen zusammengeflossen. Ratzeburger sollen nicht einsam oder unbeachtet bleiben. „Wir, die Älteren, – sagte eine Teilnehmerin, – können und wollen auch mal zusammen tanzen!“ Die kommunalen Politiker sollen die Mobilität verbessern. Wenn das Leben in der Stadt allgemein belebt wird, werden alle zufriedener und entspannter: das würde sich auch auf die Kommunikation zwischen Generationen auswirken.

„Warum allein?“ – eines von 100 Dialogprojekten bundesweit – ist an die Umfrage gebunden. Ein Holzkasten wird in der Stadt „herumgehen“, wo Bürger ihre Zettel einwerfen können. Die Auswertung wird Ende September stattfinden und weitere Treffen sind geplant. Das Projekt läuft im Rahmen des Programms „MITEINANDER REDEN“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Die tolle Initiative „politische Klönbänke“ in Ratzeburg könnte durch aktive und neugierige Nachbarn belebt werden.

Man hört manchmal: „die verkrusteten Eliten in Ratzeburg schotten sich ab“. Mal sehen, ob das stimmt und ob aus den „Eliten“ auch Menschen kommen, die an MITEINANDER REDEN Interesse haben. Ob wirklich „Standesdünkel“ in Ratzeburg verbreitet ist oder die Ratzeburger aufgeschlossene und kluge Menschen sind, die bloß auf einen Anstoß zum „Mehr zusammen!“ gewartet haben.

Der „Global Climate Strike“ wird für die heutige Jugend auch ein Anstoß zum „mehr zusammen“ sein. „Werde aktiv für deine Zukunft!“, sagen aktive junge Menschen. Auch wenn die Länge der Zukunft sich krass unterscheidet, ist es immer noch eine Strecke für die Älteren, die sinnvoller und fröhlicher gestalten werden kann…

Vera Bade, Ratzeburg