Wohnbaugebiet ‚Seedorfer Straße‘: Anwohner fühlen sich übergangen

959
Auf der 'grünen Wiese' in der Seedorfer Straße sollen auf auf einer Fläche von rund 9.000 Quadratmeter ein neues Wohngebiet entstehen. Foto: privat
Dieser Artikel wird Ihnen präsentiert von

Ratzeburg (aa). Am 29. Januar erfolgte im Ratzeburger Rathaus die Unterzeichnung eines Erschließungsvertrages für ein neues Wohngebiet in der Seedorfer Straße (Herzogtum direkt berichtete). Wenn Bauausschuss und Stadtvertretung zustimmen, werden dann bis 2022 rund 120 neue Wohnungen fertig gestellt. Nach Aussagen von Investoren und Stadtverwaltung seien aufgrund von Einsprüchen bei den Planungen schon deutliche Abstriche gemacht worden, Belange von Anwohnern seien beachtet und alle Einsprüche hätte man sehr Ernst genommen. Das sieht eine Initiative von rund 90 Anwohnern rund um das Baugebiet gänzlich anders.

„Das Bauvorhaben wird von den Anwohnern nicht abgelehnt“, erklärt Peter Köhler, einer der Anwohner, „Wir wünschen uns ausdrücklich eine gemischte Bebauung, und diese mit Sozial- und anderen Mietwohnungen, allerdings eine Zahl von 70 bis 90 Wohnungen sowie mit Begegnungsmöglichkeiten und nicht wie jetzt geplant 142 Wohnungen.“

Nach Bekanntwerden des Bauvorhabens in 2015 und ersten Protesten seitens der Bürger seien im Jahr 2016 im Rahmen einer Einwohnerversammlung drei Varianten vorgestellt worden (Herzogtum direkt berichtete). Nach Aussage der Anwohnerinitiative hatte man sich dann auf eine Variante mit 70 bis 90 Wohnungen geeinigt. „Der Entwurf, der dann aber den Bauausschuss passierte, sah schon anders aus, war aber aus meiner Sicht von der Größe her noch akzeptabel. Dann war der Entwurf aber plötzlich doppelt so groß und passierte trotzdem die Stadtvertretung. Man einigte sich mit den Anwohnern auf ein Konzept und plötzlich kam ein ganz anderes“, erinnert sich Heinz Suhr, ebenfalls Anwohner und zudem Mitglied der FRW-Fraktion. Es folgten offene Briefe, Unterschriftenlisten, Bitten um Gespräche sowie zahlreiche Einwendungen und Einsprüche, die bei Verwaltung und Politik eingereicht worden. Aus Sicht der Anwohner ohne Erfolg.

Heinz Suhr erläutert: „Intensive Diskussionen mit den Bürgern haben (nach 2016) gar nicht mehr stattgefunden. Es sind in Wirklichkeit überhaupt keine Einwendungen der Anlieger umgesetzt worden. ‚Deutliche Veränderungen‘ waren lediglich die Nachberechnung der Gebäudehöhen mit dem Ergebnis der marginalen Reduzierung. Das ist in den öffentlich ausgelegten Abwägungen zum Bebauungsplan nachlesbar. Es gibt eine Anwohnergemeinschaft (90 Leute haben unterschrieben), die diese Gespräche immer angeboten hat, aber nie angehört wurde.

Es werden gemäß Entwurf des Bebauungsplanes 142 Wohneinheiten zugelassen – nicht nur 120 – es werden nicht nur dreigeschossige Gebäude vorgesehen, sondern mehrere Gebäude mit einem sogenannten ‚Staffelgeschoss‘, das genau so hoch ist wie ein normales Geschoss, diese Häuser werden also viergeschossig gebaut.“ Die Anwohner fühlen sich mit ihren Einwendungen „abgebügelt“, ihnen fehle die fachliche Begründung. Zudem monieren sie eine mangelnde Gesprächsbereitschaft seitens der Fraktionen. Dazu Köhler: „Der Dialog mit den Politikern, wir hatten um ein Treffen mit Vertretern der Fraktionen, der Verwaltung und der Anwohner gebeten, um außerhalb der Stadtvertretersitzungen im Rathaus einmal miteinander zu diskutieren, wurde von diesen abgelehnt. Auf konstruktive E-Mails und Briefe von uns an die Politiker kam bis auf von den ‚Bürgern für Ratzeburg‘ und den Freien Wählern keine Resonanz. Zwei Politiker der SPD waren später zu kürzeren Gesprächen bereit, der eine von beiden verwies aber auf den ‘Fraktionszwang‘ bezüglich seines Abstimmungsverhaltens.“

Doch die Anwohner geben die Hoffnung nicht auf. Ihr Wunsch ist es, dass sich doch noch ein Dialog mit der Politik ergibt, bevor die endgültigen Beschlüsse gefällt werden. Sie wollen ihre Argumente einmal in aller Ruhe vorbringen können und dass ihnen zugehört wird. Es geht ihnen um „Höhe, Länge und Menge“ der geplanten Wohnungen beziehungsweise Gebäude, und dass kein Raum für soziale Begegnungen mit eingeplant ist. Dazu Anwohnerin Kathrin Roßberg: „Eine zentrale Forderung der Anwohnenden, die in keiner Weise berücksichtigt wurde, ist der Wunsch nach räumlichen Strukturen innerhalb des Bauvorhabens, die Flächen und Räume der Begegnung und zur Entwicklung ehrenamtlicher, sozialer Strukturen ermöglicht. Diese strukturelle ‘Ausstattung‘ wird sogar umfassend aus Landesmitteln gefördert, da es sich um einen bedeutsamen Aspekt zeitgemäßen Bauens handelt. Hieran sollte eine Stadt Interesse haben.“

Am Ende steht die Hoffnung der Anwohner, dass die Pläne doch noch einmal überarbeitet werden und am Ende eine Lösung gefunden wird, mit der alle leben können. „Es geht uns nicht um Verhinderung, es geht uns um Minimierung“, macht Köhler noch einmal deutlich, „Wir wollen etwas für unseren Stadtteil tun.“ Sollten die Anwohner weiter kein Gehör finden, hätten sie auch bereits genug ‚Munition‘, um rechtliche Schritte gegen das Bauvorhaben einzuleiten. „Aber unser Anliegen ist es, das zu vermeiden“, sagt Köhler abschließend.

Einige Forderungen der Anwohnergemeinschaft (zirka 100 Haushalte) für eine Anpassung des Bebauungsplans 81 in der Zusammenfassung:

1. Begrenzung der Gebäudehöhe auf maximal 10 Meter und zwei Vollgeschosse
2. Bedachung als Satteldach vorsehen, wie im übrigen Ortsgebiet üblich
3. Anzahl zusätzlicher Wohneinheiten im Baugebiet WA1 und WA2 auf insgesamt 70 begrenzen und somit inklusive der Umsiedlung von 20 Wohneinheiten in das Gebäude 8 auf eine maximale Anzahl von 90 Wohnungen kommen
4. Anzahl der Parkplätze nach aktuellem und künftigem Bedarf auszurichten. Unserer Ansicht nach wären somit 1,5 Parkplätze je Wohnung vorzusehen. Das würde bei 90 Wohneinheiten ein Bedarf an 135 Parkplätze erfordern.
5. Erhöhung der Freiflächen und eine sozial verträgliche Bebauungsdichte mit größeren Wohneinheiten für Familien mit zwei oder mehr Kindern sowie die Planung von Räumlichkeiten für Begegnungen wie zum Beispiel Stadtteiltreff, Pflegebüro, Eltern-Kind-Treff, nachbarschaftliches/bürgerschaftliches Engagement und Schaffung von Begegnungsstätten.
6. Erhöhung der Fläche des Spielplatzes sowie
7. Erhöhung der Außenfläche für die geplante Kita, damit die Kinder dort unabhängig vom öffentlichen Spielplatz genügend Spielmöglichkeiten haben und somit die Fürsorgepflicht eingehalten werden kann.
8. Verbesserung der Regen-Entwässerung durch zum Beispiel Schaffung eines Rückhaltebeckens

Die nächste öffentliche Sitzung des Planungs-, Bau- und Umweltausschusses der Stadt Ratzeburg ist am Montag, 18. Februar, um 18.30 Uhr im Ratssaal des Rathauses. Der Beschluss zum „Bebauungsplanes Nr. 81 „östlich Seedorfer Straße, südlich Friedhof, nördlich Königsberger Straße“ ist als Tagesordnungspunkt 8 vorgesehen.