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Von Hartwig Fischer

Das Jahr 1693 spielt für die Stadt Ratzeburg eine verhängnisvolle Rolle, denn damals wurde fast die gesamte Stadt in einem massiven Bombardement durch die Truppen des Königs Christian V. von Dänemark dem Erdboden gleichgemacht. Am 29. September 1693 wurde heute vor genau 325 Jahren der „Hamburger Frieden“ zwischen den Kontrahenten geschlossen. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?

Im Jahr 2012 jährte sich die erste urkundliche Erwähnung einer Burg Ratzeburg – dem „castellum Racesburg“ – zum 950. Mal. Diese Burg dürfte allerdings schon vor 1062 errichtet worden sein. Der Fürst Ratibor hatte als Herrscher über die slawischen Polaben seinen Sitz auf der Ratzeburg. Ratibor war zwar nicht der Begründer der Ratzeburg, hat ihr aber mit der Kurzform seines Namens „Rat`se“ vermutlich seinen Namen gegeben. Der Standort der „Ratzeburg“ befand sich auf dem Gebiet, das noch heute den Namen „Schlosswiese“ trägt. Aus der anfänglichen Burganlage entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte durch eine umfangeiche Bautätigkeit ein prachtvolles Schloss. Das Schloss ist Ende des 17. Jahrhunderts aus militärischen Gründen abgerissen worden und der ehemalige Schlossbereich besteht heute aus Grünanlagen und Parkplätzen.

Leider sind aus der Zeit des Mittelalters keine Überreste der Burg beziehungsweise der Schlossanlage vorhanden, doch die berühmte farbige Zeichnung der gesamten Burg und Stadt Ratzeburg von Gerdt Hane aus dem Jahr 1588 gibt Auskunft darüber, wie diese Anlage früher einmal ausgesehen haben mag. Der Gerdt-Hane-Stich zeigt einen Ringwall, der alle Schlossgebäude dieser Residenz der Herzöge von Sachsen-Lauenburg umschloss. Hiernach muss sich die gesamte Burganlage in Richtung Osten über den jetzigen Kanal zwischen dem Großen Ratzeburger See und den Küchensee hinaus erstreckt haben. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte die Ratzeburg nicht nur die Besitzer, sondern auch die Besetzer. Als wehrhafte Burg prägte sie das Stadtbild Ratzeburgs. Der damalige Besucher erreichte die Stadtinsel mit dem Dom und der Stadtkirche von Westen her über einen Damm, der von Klappbrücken unterbrochen wurde. Der Weg führte vorbei an dem großen Schloss mit dem wuchtigen „Magnusturm“ und über die „Langenbrückstraße“ konnte die Insel in Richtung Osten wieder verlassen werden.

Ende des 17. Jahrhunderts geriet Ratzeburg zwischen die Mühlen der großen Politik. Herzog Julius Franz von Sachsen-Lauenburg war 1689 überraschend verstorben und sein Herzogtum musste als kaiserliches Lehen neu vergeben werden. Neben dem Haus Lüneburg-Celle meldeten Kursachsen, Kurbrandenburg, Mecklenburg und sogar Schweden sowie Dänemark ihre Erbansprüche an. Der Welfenherzog Georg Wilhelm von Lüneburg–Celle handelte blitzschnell und marschierte mit seinen Truppen im Herzogtum Lauenburg ein, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Hierdurch bahnte sich ein Streit zwischen ihm und Dänemark an, das im benachbarten Holstein die politische Macht ausübte. Der Konflikt zwischen Dänemark und dem welfischen Haus von Lüneburg-Celle spitzte sich dramatisch zu, weil Dänemark eine Ausdehnung der welfischen Macht nördlich der Elbe in das Lauenburgische als eine Gefährdung der eigenen Herrschaft in Holstein und zugleich als eine konkrete Bedrohung der Stadt Oldesloe ansah.

Ratzeburg. Altkol. Kupferstich von Gerd (Gert) Hane, 1588. Aus: Braun & Hogenberg: Civitates Orbis Terrarum Bd.5, S.43. 32,5 x 39,5 cm (Klose-Martius,2). Im Kreismuseum in Ratzeburg.

Die zunehmende Gefahr eines militärischen Angriffs durch die Dänen auf Ratzeburg machte drastische Sicherheitsmaßnahmen erforderlich und diese sollten die Sterbestunde des alten Schlosses bedeuten. Bereits im Januar des Jahres 1690 hatte Herzog Georg Wilhelm verkündet, dass er mit dem Schloss eine „Veränderung“ vorhabe. Hiermit meinte er konkret den Bau einer starken Festungsanlage nach dem Vorbild des französischen Festungsbaumeisters Vauban. Herzog Georg Wilhelm, vom europäischen „Festungsfimmel“ besessen, wollte wegen der sich abzeichnenden kriegerischen Auseinandersetzung mit Dänemark eine regelrechte Festung errichten. Die in dem Ratzeburger Schloss wohnende Herzoginwitwe Sibylla Hedwig wurde daher zum Auszug aus dem Schloss aufgefordert. Doch die alte Dame weigerte sich strikt. Um dem „Räumungswunsch“ massiv Nachdruck zu verleihen, schaffte man Pulver und Artilleriematerial in die benachbarten Räume. Doch erst als man mit dem Niederreißen des Schlosses begann, wich die energische Fürstin der rohen Gewalt und siedelte in das Lauenburger Schloss über.

Die militärische Befestigung Ratzeburgs wurde von Dänemark als ein kriegerischer Akt betrachtet, so dass König Christian V. sich zu einem Angriff auf Ratzeburg entschied, um die Festungsanlagen zu zerstören. Am 12. August 1693 erschienen die dänischen Truppen mit ihrem König vor Ratzeburg und am 21. August 1693 begann in den frühen Morgenstunden ein vernichtendes Bombardement auf die Stadt. Mit schwerem Kanonenbeschuss wurde Ratzeburg massiv unter Feuer genommen, so dass am Abend die gesamte Stadt fast völlig in Schutt und Asche lag. Nur der Dom, die Petri-Kirche und vermutlich fünf Bürgerhäuser überstanden das Inferno.

Am 24. August 1693 kam es zu einem Waffenstillstand zwischen den kriegsführenden Parteien und am 29. September 1693 konnten die Friedensverhandlungen mit dem „Hamburger Vergleich“ abgeschlossen werden. Mit der Auflage, alle Schanzen zu demolieren, hatten die Dänen erreicht, dass Ratzeburg „entfestet“ wurde. Als Gegenleistung erkannte Dänemark die Besitznahme des Herzogtums Sachsen-Lauenburg durch Herzog Georg Wilhelm an. Die endgültige Zerstörung der Wehranlagen erfolgte im Jahr 1815. Diese Ereignisse schlagen sich in den Straßennamen „Demolierung“ und „Schlosswiese“ nieder. Noch heute sind einige der Kanonenkugeln im Mauerwerk von einzelnen Ratzeburger Häusern nachträglich eingemauert. Insbesondere das berühmte unvollendete „Kegelspiel“ aus acht Kanonenkugeln am nördlichen Querschiff sowie Kugeln an der Eingangshalle des Doms sollen auf die damalige Beschießung Ratzeburgs hinweisen. Der langjährige Wiederaufbau Ratzeburgs erfolgte nach dem Grundrissplan der Stadt Mannheim, um nach diesem Vorbild einen strukturierten Straßenverlauf zu schaffen.

Im Verlauf dieser kriegerischen Auseinandersetzung haben die welfischen Verteidiger aus strategischen Gründen tatsächlich ernsthaft erwogen, den Ratzeburger Dom in die Luft zu sprengen. Diese uns heute unglaublich anmutende Idee ist nur aus dem Grunde nicht zur Ausführung gelangt, da die Berechnungen der Verteidiger ergaben, dass „unser ganzer Vorrat an Pulver dazu schwerlich ausreichen würde“. Es mutet wie ein Treppenwitz an, aber so wie im vorletzten Jahrhundert im Jahr 1863 die Lübecker Senatoren sich nur mit einer einzigen Stimme Mehrheit gegen den Abriss des Holstentors aussprachen, so scheiterte die Zerstörung des romanischen Doms Heinrichs des Löwen und Wahrzeichen Ratzeburgs lediglich aus Mangel an Sprengstoff.