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Von Vera Bade

Vor kurzem habe ich den Spruch gehört: „Nimm Dir Zeit für Deine Freunde bevor die Zeit Dir Deine Freunde wegnimmt“. Und noch einen dazu passenden: „Mit wem Du Zeit verbringst, dem schenkst Du Dein Leben“.

Über die meisten seiner „Zeitgeschenke“ denkt man nicht täglich nach. Es läuft ja alles routinenmäßig : Arbeit, Familie, Autofahren, Shopping, Putzen, Urlaub usw. Erst wenn man älter wird, „auf der letzten Strecke“ so zu sagen, wird die Zeit viel kostbarer und man lernt damit besser umzugehen. Oder man lernt es nicht.

Der berühmter Tech-Guru und Vordenker des Internets Jaron Lanier bereist jetzt die USA und als Kritiker von Social-Media-Netztwerke ruft die Menschen auf, ihre Social Media Accounts sofort zu löschen. „Delete it all! Steige aus und lebe! Jetzt, gleich!“ Die „Süddeutsche Zeitung“ hat
über seine Auftritte und Bücher am 1. Juni im Artikel „Delete it all“ berichtet.

An einem sehr warmen Nachmittag versuchte ich vor einigen Tagen, meinen Mann von seiner Arbeit am PC zu trennen. „Komm, auf das Fahrrad! Los! Wir haben schon so viele so schöne Tage verpasst!“ Nichts hat geholfen, und bald genoss ich die Ratzeburger Promenade alleine. Der Weg entlang am Ratzeburger See ist für mich ein – schon normaler – regelmäßiger Genuß. An diesem Tag war der See besonders schön mit Bildern auf dem spiegelglattem Wasser, mit Licht und Farben am Himmel. Etwas hing in der Luft und machte alle Passanten und Radfahrer heiter und glücklich. Wir tauschten Blicke und Begrüßungen, als ob wir einander sagen wollten: „Sowas heute! Herrlich, ah?“

Ratzeburg kennt solche Tage öfter, denke ich, als andere Städtchen, die auch reich an Natur – Wald und Wasser und logischerweise auch an Naturgenießern, sind. Paare, jung und alt, lieben die Promenade. Romantische Aussichten, egal wo man hinschaut. Man sieht bunte Kanus und Ruderboote, beneidet auch wegen der nahliegenden Badestelle bei Aqua Siwa die Bewohner der Häuser auf der Insel.

Überrascht war ich an diesem Tag, als ich aus dem Busch am See exotische Musik hörte, die „in unseren Breiten“ nie zu hören ist. Es klang nach dem arabischen Raum. Aus Syrien, Irak? Die haben da anders klingende Musikinstrumente, die uns unbekannt sind. Wer sitzt da im Busch und denkt voller Sehnsucht an seine Heimat, dachte ich? Oder will er uns Ratzeburgern mitteilen, dass sein Land schönere Musikund Lieder hat als den westlichen Rap?

Ich fuhr weiter, am das Rathaus vorbei und sah links unten Menschen im Biergarten an langen Tischen, mit Blicken auf den See. Im Restaurant mit Seeterrasse machte ich eine Pause. Die Terrasse war sonnig, die Menschen an fünf Tischen entspannt und still wie der See. Ungewöhnlich war es, alle Segelschiffe ohne Segler am Ufer geparkt zu sehen. Kein Hauch vom Wind, klar.

Von der Jugendherberge nebenan hörte man aber glückliches Lachen von Kindern, die im Wasser planschten und jeden Spaß miteinander laut genossen. Die Nähe zur Jugendherberge macht das Restaurant noch attraktiver, das prachtvolle Seepanorama mit dem ansteckenden Lachen und vergnügten Rufen. Segelschule nebenan. Ich sass da im gemütlichen Strandkorb – davon gibt es zwei im Restaurant – als plötzlich eine Entenmutter mit fünf ganz kleinen Jungen auf die Terrasse spazierte. Die Kleinen suchten fleißig zwischen den Tischen Krümelchen am Boden und die frechsten – zwei Minis – sprangen sogar über die Schwelle ins Restaurant rein, wo die Kellnerin sie mit breitem Lächeln beobachtete.

Der junge Koch sah wie ein Latino aus und als er später neben der Theke stand, habe ich ihn gefragt, aus welchem Land er war. „Aus Kolumbien“, sagte er. „Oh, aus Kolumbien! Nach dem Vertrag mit dem FARC ist es da ruhiger geworden?“- fragte ich. „Ja, ruhiger. Hoffentlich, bleibt es so“, antwortete er. Ich denke an meinen Patensohn, der mit einer Kolumbianerin nach München gezogen ist. Sie sind verheiratet und haben schon zwei Kinder. Er hat einige Jahre im Ausland gelebt, darunter auch in Kolumbien, und hat dort seine Frau gefunden.

Wie viel Welt ist schon im kleinen Ratzeburg vorhanden? Manchmal frage ich neugierig und freundlich Menschen an der Bushaltestelle oder sonstwo in der Stadt, aus welchem Land sie kommen – nur dann natürlich falls sie für uns, Europäer, exotisch aussehen. Junge Iraker und Syrer erkennt man schon auf der Strasse. Aber es gibt Menschen aus Ghana, Senegal und auch viele Russlanddeutsche sehe und höre ich in Ratzeburg. Am Freitag, den 8 Juni hat eine  Ratzeburgerin einen interessanten Vortrag über Südkorea, das Land ihrer Eltern, im Frauenwerk gehalten.

Als der deutsche Astroaunat Gerst vor seinem Abflug zur Internationalen Raumstation am 6 Juni sagte: „Meine Heimat ist Erde“, habe ich ihn gut verstanden. Wenn wir so gut miteinander auskommen könnten wie die da im All, hätten Frieden und Kooperation auf unserer gemeinsamen Heimat Erde gegenüber dem Krieg und Elend gewonnen.

Bei einer Antikriegsdemos Anfang 2000 in München, wo ich über 40 Jahre gelebt habe, war mein Plakat sehr kurz: „Kriegsgelder für Friedensprojekte!“ Der Appell bleibt aktuell bis heute. Wird sogar gerade aktueller, denke ich, wo der US Präsident Trump Europa zu mehreren militärischen Ausgaben aufruft.

Am 8. Juni hörte ich im Deutschlandfunk ein Interview mit Thomas Oppermann, dem Vizepräsidenten des Bundestags, der sich auf den Weg nach Moskau machte und sein Fußballtrikot im Gepäck hatte. Was für eine tolle Idee: deutsche Parlamentarier spielen mit den Abgeordneten von Duma Fussball! Vielleicht hilft es ihnen danach, bessere Lösungen für Weltproblemen zu finden? „Live and let live“ – diese Lebenshaltung wird von allen Völkern bevorzugt…

Das Denken ist manchmal entspannter beim Radfahren oder beim Langlauf: die Beine machen automatisch ihre Arbeit, die frische Luft regt an, wir denken mit dem ganzen Körper. Frei und in Bewegung, wie Kinder.

Auf dem Weg zurück sah ich aus der Ferne meinen Mann auf dem Fahrrad mir entgegenkommen. Super! „Delete it all!“ hat wenigstens für heutigen Nachmittag gewirkt! Wir können, dachte ich, unsere gegenseitigen „Zeitgeschenke“ auf unserer Liebligsbank in der Stadtpark „auspacken“….