Schiphorst (pm). Drei Tage, ein ehemaliger Bauernhof, dreißig Jahre Experiment. Was 1996 als „Sommersonnenwenden-Fete“ begann, hat sich zu einem der eigenwilligsten Festivals im deutschsprachigen Raum entwickelt. Mitgründer Jean-Hervé Péron erinnert sich an die Anfänge als eine Woche „irgendwo zwischen arabischen Nächten und industrieller Brachlandschaft“ – ein Ort nicht nur für Musik, sondern für alle Künste, für Improvisation im weitesten Sinne. Das Avantgarde-Festival Schiphorst feiert in diesem Sommer sein dreißigjähriges Bestehen. Und es bleibt sich treu: alles wie immer, also alles wieder anders.
Freitag: zwischen Käuzchen und Metallschrott
Den Auftakt machen KOU aus Frankreich mit ausgeruhten, verstolperten Tönen – durch die gelegentlich ein Käuzchen ruft. Hugging aus Berlin nehmen Metal auseinander und bauen ihn überraschend zärtlich neu zusammen. Der Musiker und Videokünstler Valle Döring zeigt, was eine über hundert Jahre alte Pumporgel voller Mikrofone heute zu erzählen hat. Das Hamburger Bunte Luft Trio reist mit Baritonsaxophon, modularem Synthesizer und vietnamesischer Kastenzither an; Monita Wagma legt auf.
Krautrock trifft sich in Schiphorst
Dass Embryo in diesem Jahr zum ersten Mal beim Avantgarde-Festival auftreten, ist mehr als eine Programmnotiz. Beide Bands – Embryo wie FaUSt – werden unter dem Label Krautrock geführt und stehen für eine Haltung, die Experiment über Genre stellt. Beide verbindet außerdem ein Generationenwechsel: Marja Burchard führt Embryo weiter, die Band ihres Vaters Christian Burchard – eine Formation, die nie aufgehört hat zu touren und sich zu verändern. Jeanne-Marie Varain, Tochter von Jean-Hervé Péron, hat die künstlerische Leitung des Festivals seit 2014 inne. Dass diese beiden Bands nun erstmals gemeinsam auf einem Festival zusammenkommen, das von Töchtern seiner Gründergeneration geprägt wird, ist kein Zufall – es ist Kontinuität als Programm.

Samstag: Ein Festival, das zuhört
Der Samstag steht ganz im Zeichen des aktiven Hörens – eine Hommage an ein Publikum, das seit dreißig Jahren durch seine Art des Zuhörens einen Raum geschaffen hat, der so selten zu finden ist. Er beginnt mit einer Einführung und einem Workshop von Femke Dekker (Loma Doom), die ihr Buch Open Field Listening Station gerade veröffentlicht hat. Luciana Rizzo aus Buenos Aires und Katarzyna Karpowicz aus Warschau setzen das mit ihren Soundforschungen fort. AGF (Antye Greie-Ripatti) fragt in ihrer Arbeit, wie sozialer Raum entsteht und behauptet wird. Hanna Eimermacher und Frauke Aulbert sind als Physical Listening Club zu erleben. Den Abend gestalten der Copenhagen Clarinet Choir, der zwischen Kontemplation und Explosion pendelt, und das Andromeda Mega Express Orchestra (Deutscher Jazzpreis 2021). Dazu kommt der europäische Ableger des kanadischen Growlers Choir, der Heavy Metal und experimentelle Musik zusammendenkt.
„Es ist mir eine große Freude, das Hauptprogramm zu kuratieren und die Dynamiken der Tagesabläufe zu gestalten“, sagt Jeanne-Marie Varain. „Das Programm wird immer wieder durch Aktionen und Ungeplantes durchdrungen – ich kann selbst nicht genau sagen, wie die Couleur des Festivals sein wird. Das ist ein Riesenspaß, auch für mich.“
Sonntag: Jubiläum als Happening
Den Festivalsonntag gestaltet Jean-Hervé Péron ganz im Geist der Gründerjahre – und das heißt: Die Grenze zwischen Bühne und Publikum löst sich auf. Der Vormittag beginnt im Hof mit Jazz, wandert dann auf die Hauptbühne, wo Péron Stücke aus MOI vorstellt – seinem ersten Soloalbum, das im September 2026 erscheint und wenige Wochen zuvor in Schiphorst aufgenommen wurde. Zwischendurch betritt Thomas Otto, Zaubererkünstler, den Hof – und wer aufmerksam ist, versteht vielleicht, warum der Kiosk an diesem Morgen nur eine Aufgabe hat. Den Abschluss bildet, wie es inzwischen Tradition ist, ein spontaner Chor aus dem Publikum. „Jetzt, drei Jahrzehnte später, bauen, improvisieren und erfinden wir weiter“, schreibt Péron – „nicht, um in der Vergangenheit zu schwelgen, sondern um den Geist lebendig zu halten.“

Rahmenprogramm
Auf dem Heuboden kuratiert das Brandenburger NNOI-Festival ein Kurzfilmprogramm. Im Ausstellungsraum unterm Dach sind Arbeiten von Peter Blegvad zu sehen – Poesie, Malerei, Zeichnung und Musik des Songwriters, Autors und Slapp-Happy-Mitgründers. Die freie Bühne ANNEX ergänzt das Programm der Tenne als Hauptspielstätte.
Praktisches
Das Festival findet traditionell zur Sommersonnenwende statt, 19.-21. Juni 2026. Festivaltickets – inklusive Mahlzeiten und Camping im Rosengarten – sind sozial gestaffelt: 80, 100 oder 120 Euro. Tageskarten sind ab 20 Euro erhältlich. Der Vorverkauf läuft bis Juni. Das Festival wird gefördert von der Initiative Musik des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Mehr unter www.avantgardefestival.de.







