‚Wir dürfen keine schweigende Mehrheit sein‘

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Knapp über 1.000 Menschen nahmen am Demonstrationszug "Wir sind nicht sill" 2019 in Ratzeburg teil. Foto: Anders
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Ratzeburg (aa). Zwischen 800 und zwischenzeitlich über 1.000 Menschen nahmen am gestrigen Donnerstag (31. Oktober 2019) an Demonstration „Wir sind nicht still“ in Ratzeburg teil. Lautstark ging es vom Rathaus über die Schul- und Langenbrückerstraße auf den Marktplatz zu einer Abschlusskundgebung.

Die Teilnehmerzahl war ungefähr identisch zur Demonstration im vergangenen Jahr in Berkenthin, wo 2018 die erste Auflage von „Wir sind nicht still“ stattfand. Nun war Ratzeburg der Ort, dem viele Menschen für Mitmenschlichkeit, Toleranz, Vielfalt und Integration und gegen Rassismus und Populismus auf die Straße gingen und ein eindrucksvolles Zeichen setzten.

„Last uns laut sein für Toleranz und Demokratie. Es ist toll , dass ihr alle da seid“, erklärte Gesine Biller (Partnerschaft für Demokratie der Stadt Ratzeburg und des Amtes Lauenburgische Seen), die zusammen mit Mark Sauer (Stadt Ratzeburg/Verein Miteinander leben) die Teilnehmer zur Kundgebung auf dem Ratzeburger Marktplatz begrüßte. Die Menge hatte sich um einen Drum Circle versammelt, der zwischen den Redebeiträgen immer wieder für Stimmung sorgte.

„Ich bin dankbar, dass ihr so zahlreich gekommen seid. Wir sind nicht still – das ist unser Anliegen. Wir dürfen nicht still sein, solange Populisten das Wort erheben. Wer in der Öffentlichkeit steht, sollte mit seinen Worten sorgsam und verantwortungsvoll umgehen“, so die Worte von Bürgermeister Gunnar Koech als Schirmherr der Veranstaltung. Die sozialen Medien sollten seiner Meinung nach nicht für populistische Zwecke missbraucht werden. Statt dessen sollten die Menschen sich wieder mehr Zeit zum Zuhören nehmen und niemals andere abwerten oder ausgrenzen. Zum Ende seiner Rede trat Koech noch in den Dialog mit Marten Koch, Vorsitzender des Ratzeburger Jugendbeirates. Dieser erzählte von seinen jüngst gewonnenen Erfahrungen bei einem Besuch des Beirats in Ratzeburgs Partnerstadt Sopot. In Polen können man nicht mehr risikofrei seine Meinung sagen und dient daher als mahnendes Beispiel.

Heinz Dohrendorff, Amtsvorsteher des Amtes Lauenburgische Seen, stellte die Menschenwürde in das Zentrum seiner Rede. „Es ist der Schlüsselbegriff dieser heutigen Veranstaltung“, erklärte Dohrendorff, „Immer wieder sind unsere hart erkämpften Werte in Gefahr.“

„Welch ein tolles Bild“, beschrieb Kreispräsident Meinhard Füllner seinen Eindruck, nachdem er auf die Bühne gestiegen war. „Diese Solidarität ist Grundlage unserer Demokratie“, stellte er fest. Der Verzicht auf jedwede Gewalt, verbal und schon gar nicht physisch, sei eine Grundregel für unser demokratisches Miteinander in allen Bereichen von Politik und Gesellschaft. „Es muss Prinzip unseres alltäglichen Handelns sein, sich allen Kräften, die diese Leitplanken einreißen oder absenken wollen, mutig entgegenzustellen. Besonders denen, die dies programmatisch, organisiert unter Ausnutzung unserer liberalen Grundordnung wollen und tun“, so Füllner weiter. Es ginge aber auch darum, diejenigen wachzurütteln, die unbewusst oder gleichgültig dieses Demokratie zerstörende Tun als tägliches Schauspiel auf dem Sessel vor dem Fernseher schweigend oder gar belustigend über sich ergehen ließen. Füllner: „Es sind nicht primär die lautstarken Krakeeler, die mich besorgt machen. Nein, es ist dieser zunehmend schleichende Prozess des Duldens und Hinnehmens, der an unseren Grundfesten nagt. Demokratie braucht aktive Demokraten. Wir müssen die Demagogie der Populisten entlarven. Populismus a la AfD ist eine der Hauptquellen für Extremismus.“

„Tabubrüche in der Sprache sind nicht aus Versehen, sondern ganz bewusst gesetzt“, ergänzte Pröpstin Frauke Eiben. Aus Worten folgten dann leicht Taten. „Diese Verrohrung der Sprache vergiftet unsere Demokratie. Und darum sind wir nicht still, wir dürfen nicht schweigend zustimmen.“

Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz prangerte in seinem Redebeitrag unter anderem den aktuellen millitanten Rechtsextremismus und -terrorismus in Hinblick unter anderem an dem jüngsten Anschlag in Halle an. Von Notz: „Wir stehen an der Seite der Opfer dieser Gewalt. Es ist eine Schande, dass Juden in unserer Gesellschaft wieder Angst haben müssen.“ Man müsse endlich verstehen, dass Populisten mit Millitanz unsere Gesellschaft und unsere Demokratie zerstören. „Ich glaube, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft hinter unserer Freiheit und unserem Rechtsstaat stehen. Und deshalb dürfen wir keine schweigende Mehrheit sein“, so von Notz abschließend.

„Der Zuspruch war beeindruckend“, bilanzierte Mark Sauer hinterher die Demo und Kundgebung. „Ich wünsche mir, dass wir alle das weiter tragen. Lasst uns zusammenhalten“, ergänzte Gesine Biller. Sie hatte zuvor den bunten Staffelstab der Demo „Wir sind nicht still“, auf dem schon Berkenthin und Ratzeburg verewigt sind, in die Runde der zum Teil ebenfalls anwesenden Bürgermeister der Nachbargemeinden angeboten. Möllns Bürgermeister Jan Wiegels und der erste stellvertretende Bürgervorsteher Ulrich Woßlick griffen daraufhin spontan zu. Die nächste große Demo „Wir sind nicht still“ wird daher am 31. Oktober 2020 in Mölln stattfinden. „Das übernehmen wir gerne“, sagte Wiegels. Das organisatorische Problem des zeitgleich stattfindenden Herbstmarkt sehe er als lösbar.