Mölln: Die Scherer-Bünting-Orgel geht auf Reisen

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Pfeifenpate Hans Kuhlmann, Pastor Matthias Lage, Erik Winkel, Jan Wiegels und Hartmut Ledeboer auf dem Gerüst an der Scherer-Bünting-Orgel. Foto: Steffi Niemann
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Mölln (pm). Gestern begann der Ausbau der historischen Orgel der St. Nicolai-Kirche in Mölln. Das Instrument mit Pfeifen, die zu den ältesten in Deutschland gehören, wird in den Niederlanden aufwändig restauriert. Im Frühjahr 2021 soll die Orgel wieder erklingen. Die Möllner Kirchengemeinde sucht noch Orgelpfeifen-Paten zur Finanzierung des Mammut-Projekts.

Nach jahrelanger Vorarbeit können die Restaurierungsarbeiten in der St. Nicolai-Kirche mit dem spektakulären Ausbau der historischen Scherer-Bünting-Orgel beginnen. Die Pfeifen und weitere Teile der Orgel werden zur Sanierung in die Werkstatt des renommierten Unternehmens „Flentrop Orgelbouw B.V.“ im niederländischen Zaandam transportiert. Der Ausbau dauert circa vier Wochen.

Rund zweieinhalb Jahre muss die Kirchengemeinde nun ohne ihre Orgel auskommen. „In dieser Zeit werden wir unsere Gottesdienste so gut es geht mit anderen Instrumenten, z.B. der Truhenorgel, dem E-Piano begleiten. Die Lücke auf der Empore wird uns daran erinnern, dass nicht nur baulich noch einiges vor ihrer Rückkehr zu tun ist, sondern wir auch noch Hilfe von weiteren privaten Stiftungen und Personen benötigen, um die Finanzlücke von 250.000 Euro zu schließen. Wir werden unsere Orgel vermissen und freuen uns dann um so mehr, wenn sie neu erklingen wird“, so Pastor Matthias Lage. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 1,7 Millionen Euro.

„Wir wollen aber auch die Chance nutzen, unseren Gemeindegesang zu verstärken, indem wir einen „Gottesdienst-Chor“ ins Leben rufen, bei dem man sonntags ganz spontan mitmachen kann“, fügt Kantor Thimo Neumann hinzu, der ein allerletztes Mal die Orgel zum Abschied erklingen ließ.

Möllner Orgelpfeifen gehören zu den ältesten in Deutschland

Bei der Möllner Scherer-Bünting-Orgel handelt es sich um eine der wertvollsten Orgeln mit Pfeifen, die sogar zu den ältesten weltweit gehören. Manche der 2.731 Pfeifen stammen aus dem frühen 15. Jahrhundert, der älteste Beleg ist ein Schriftstück aus dem Jahr 1436. Seitdem wurden diverse Erweiterungen, Umbauten und Restaurierungen vorgenommen, die wichtigsten im Zeitraum 1555 bis 1558 durch Jacob Scherer und von 1754 bis 1766 durch Christoph Julius Bünting. Von Jacob Scherer, dem Stammvater der gleichnamigen Orgelbauerdynastie, verfügt Mölln über mehrere fast komplette Register – das ist weltweit einzigartig. „Mich persönlich begeistert die enorme Klangvielfalt dieser Orgel, in der so viele musikalische Epochen harmonisch zusammenklingen.“, sagt Hartmut Ledeboer, Vorsitzender des Möllner-Orgelbauvereins.

Mehrere Epochen in einem Instrument

In der Scherer-Bünting-Orgel findet sich eine enorme Vielfalt an Orgel-Epochen. Denn mit Hans Köster (1568) und Friedrich Stellwagen (1637–1641) haben weitere berühmte Orgelbauer in Mölln gewirkt und Pfeifen hinterlassen. Von C. J. Bünting stammt der prachtvolle Prospekt. Die Vielfalt der Epochen, die dieses Instrument vereint, ist herausragend und steht somit beispielhaft für die lange Tradition des Orgelbaus in Deutschland, der 2017 in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen worden ist.

Die Restaurierung: Back to the roots!

Ziel der Restaurierung ist eine handwerklich meisterhafte Ausführung in Anlehnung an das historische Konzept C. J. Büntings. Mit der Firma Flentrop konnte eine traditionsreiche Orgelbaufirma verpflichtet werden, die weltweit Orgeln baut und viel Erfahrung und profundes Know-How in der Restaurierung norddeutscher Barockorgeln mitbringt. Die letzten größeren Projekte in Norddeutschland waren die Überarbeitung der großen Orgel an St. Jakobi in Lübeck (2013) und der Neubau der „Orgel für Bach“ in der Katharinenkirche in Hamburg (2009-2013). „Wir wollen, dass die Töne der Orgel wieder so fließen wie früher“, so Erik Winkel, Orgelbauer der Firma Flentrop.

Mölln zieht bei der Finanzierung alle Register

Für Kirchengemeinde und Orgelbauverein ist die Finanzierung des Projekts, für das 1,7 Millionen veranschlagt werden, eine große Herausforderung. Als fortgeschrittenes, jedoch noch unvollendetes Gemeinschaftswerk gestaltet sich bis jetzt die Finanzierung des Millionen-Projekts. Zu der bereits mit rund 85 Prozent aus privaten, kirchlichen und öffentlichen Mitteln gesicherten Finanzierung werden noch weitere private Stiftungen und Personen gebeten beizutragen. Einen wesentlichen Anteil der Kosten hat im Jahre 2016 der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages mit einer Summe von 600.000 Euro aus dem Förderprogramm für national bedeutsame Orgeln der Beauftragten für Kultur und Medien bereitgestellt. Zusätzlich hilft das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein mit 300.000 Euro und die Stadt Mölln hat eine Förderung mit 100.000 Euro in Aussicht genommen. Der Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg beteiligt sich mit mehr als 150.000 Euro. Zurzeit laufen Anträge auf Förderung durch denkmalfördernde Stiftungen.

Ohne diese Fördergelder wäre an den Beginn der Restaurierung zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Weiterhin gab es Einnahmen aus zahlreichen Benefizkonzerten sowie Spenden von Privatpersonen und Unternehmen, so dass der Orgelbauverein über 292.000 Euro für dieses Projekt verfügt.

„Eines der zentralen Wahrzeichen Möllns zu erhalten, das jährlich tausende Besucher staunen lässt, das wollen wir als Stadt und auch ich persönlich, gern unterstützen“, bekräftigt als Patron der Nicolai-Kirche (Lat. für ‚Kirchherr‘, bedeutet Schirmherr) Möllns Bürgermeister Jan Wiegels.

Die eingerüstete Scherer-Bünting-Orgel. Foto: Steffi Niemann

Pfeifenpaten und Förderer gesucht

Bemerkenswert ist das Orgelpfeifen-Patenschafts-Modell, das der Möllner Orgelbauverein ins Leben gerufen hat, um die Finanzierungslücke von jetzt immer noch rund 15% zu schließen. Die Spenderinnen und Spender unterstützen die Restaurierung einer bestimmten Orgelpfeife: Je nach Tonhöhe und Register werden dafür Beträge zwischen 20 und 2.500 Euro benötigt. Neben dem Erhalt einer Patenurkunde können sich die Spender auf der Patentafel in der St. Nicolai-Kirche namentlich eintragen lassen. Für Menschen, die sich diesem ganz besonderen Instrument verbunden fühlen, eine schöne Möglichkeit, sich zu „verewigen“.

„Ohne die Kirche gebe es den größten Teil dieser wunderschönen Stadt nicht“, sagt Hans Kuhlmann, Stadtführer in Mölln und Pfeifenpate aus Überzeugung. Er konnte auch seine Kollegen ins Boot holen und so wurden die gesamten Stadtführer Pfeifenpaten.

Wer helfen möchte, nutze bitte das Spendenkonto:
Konto-Inhaber: Orgelbauverein St. Nicolai zu Mölln e. V.
IBAN: DE34 5206 0410 0006 4351 49
Bank: Evangelische Bank eG
Verwendungszweck: Spende Orgel-Sanierung

Bauarbeiten auch in der Kirche

Zusätzlich zu den Arbeiten an der Orgel müssen auch in der Kirche noch größere bauliche Veränderungen vorgenommen werden, damit das Instrument anschließend wieder stabil eingepasst werden kann. Während die Orgel also „unterwegs“ ist, werden Baumaßnahmen wie u.a. die Stabilisierung der Tragekonstruktion des Instruments sowie eine Restaurierung des Orgelumfeldes und der Neubau einer Orgelrückwand durchgeführt.

Die Orgel erklingt wieder im Frühjahr 2021

Im Frühjahr 2021 soll die Orgel dann wieder in St. Nicolai erklingen – als neues altes Meisterstück, das die Aufmerksamkeit der Orgelwelt nach Mölln ziehen wird. Weitere Infos gibt es unter www.orgelbauverein-moelln.de.