Ratzeburg (gb). Wer denkt, dass ein Seniorenbeirat nur gemütlich über Kaffee und Kuchen plaudert, irrt gewaltig. Die Mitglieder des Kreisseniorenbeirats Herzogtum Lauenburg investieren wöchentlich Stunden in Recherchen, besuchen Fachveranstaltungen und setzen sich in langen, intensiven Sitzungen – mindestens zwei Stunden pro Treffen – mit Themen auseinander, die das Leben älterer Menschen im Kreis direkt beeinflussen. Am Dienstag, 16. Juni, tagte der Beirat im Interims-Kreishaus am Markt in Ratzeburg und bewies einmal mehr: Hier wird nicht nur diskutiert – hier wird Gestaltungspolitik für eine alternde Gesellschaft betrieben.
Themen, die unter die Haut gehen
Die Agenda der Sitzung liest sich wie ein Who’s Who der aktuellen sozialpolitischen Herausforderungen – und zeigt, wie komplex und vielschichtig die Arbeit des Beirats ist:
Pflegeversicherung im Umbruch: Wo entstehen für SeniorInnen im Kreis neue Hindernisse? Die geplante Streichung der Finanzierung für Pflegegrad 1 und Kürzungen bei Pflegegrad 2 könnten viele Haushalte hart treffen. Auch die Reform des Einstufungsverfahrens durch den Medizinischen Dienst (MD) wirft Fragen auf: Wer profitiert – und wer geht leer aus?
- Landespflegegesetz Schleswig-Holstein: Drohen Qualitätseinbußen in der Pflege? Der Beirat analysiert, welche kommunalen Verschlechterungen auf den Kreis zukommen.
- Apothekengesetz: Künftig sollen Verträge zwischen vollstationären Einrichtungen und Apotheken die Medikamentengabe besser kontrollieren. Ein Schritt in die richtige Richtung – doch reicht er aus?
- Rettungsdienst in der Krise: Die Verlängerung der Rettungszeiten bedeutet: Im Notfall könnte der Rettungswagen länger brauchen. Für ältere Menschen mit akuten Gesundheitsproblemen eine lebenswichtige Frage.
- Krankenhausreform: Schleswig-Holstein geht seinen eigenen Weg – mit Spezialkliniken, Basis-Kliniken für kleinere Eingriffe und Funktionskliniken wie dem Ratzeburger Krankenhaus, das eine Notaufnahme behalten soll. Doch wie sieht die Versorgung im ländlichen Raum aus?
- Pflegeneuordnungsgesetz: PraxishelferInnen, die niedergelassene ÄrztInnen bei Hausbesuchen entlasten, werden in Dithmarschen und Nordfriesland bereits getestet. Ein Modell für den Kreis? Zudem soll ein „Pflegebegleiter“ die erstmalige Einstufung eines Pflegegrades begleiten. Doch gleichzeitig droht eine Reduzierung der Rentenpunkte für pflegende Angehörige – ein herber Rückschlag für viele Familien.
- Und dann die Infrastruktur: Wie soll Mobilität im Kreis Herzogtum Lauenburg gelingen, wenn gesetzliche Reformen umgesetzt werden? Die Diskussionen dazu waren lang und kontrovers – denn hier geht es um nichts Geringeres als die Lebensqualität von morgen.
Netzwerken, analysieren, handeln
Der Kreisseniorenbeirat ist kein isoliertes Gremium, sondern vernetzt sich aktiv – etwa mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein. Im Gespräch mit deren Vorsitzender in Bad Segeberg ging es um brennende Themen wie:
- Die wiederhergestellte Notdienst-Hotline 116 117 (nach langer Störung),
- Zuzahlungserhöhungen für Medikamente und Physiotherapie,
- Einschränkungen bei Vorsorgeuntersuchungen und eine künftige Kostenbeteiligung der PatientInnen,
- Die mangelnde Möglichkeit der KV, Barrierefreiheit in Arztpraxen durchzusetzen – ein Skandal für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen.
Auch in die Ausschüsse des Kreises entsendet der Beirat Mitglieder, um dort die Interessen älterer Menschen zu vertreten. Aktuell berichteten die VertreterInnen unter anderem von:
- Plänen für ein gemeinsames Entsorgungswerk für Bioabfälle (immerhin 55.000 Tonnen jährlich im Kreis!),
- der überraschenden Debatte im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Energie – wo ausgerechnet die Abschaffung der Stelle des Klimaschutzbeauftragten zur Diskussion stand.
Ehrenamt mit Strahlkraft
Die Mitglieder des Kreisseniorenbeirats filtern, bewerten und übersetzen eine Flut an Informationen – von der Mitgliederversammlung des Landesseniorenrats SH in Nortorf bis hin zu lokalen Entwicklungen – in konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung. Ihr Ziel: Die Lebensumstände älterer Menschen im Kreis nachhaltig verbessern. Dazu gehören:
- Analysen zur Infrastruktur – wie bleibt der Kreis mobil und lebenswert?
- Stärkung der ambulanten Pflege – damit SeniorInnen so lange wie möglich zu Hause leben können,
- Modelle wie „Gemeindeschwestern“ oder Vor-Ort-Kräfte – um die Versorgung im ländlichen Raum zu sichern.

Offene Türen, offene Ohren
Jede Sitzung des Kreisseniorenbeirats ist öffentlich. Die Mitglieder laden alle BürgerInnen ein, Fragen zu stellen, Anregungen zu geben oder einfach zuzuhören. Denn eines ist klar: Dieses Ehrenamt lebt vom Dialog.
Wer also wissen will, wie die Zukunft des Alterns im Kreis Herzogtum Lauenburg gestaltet wird – oder selbst mitgestalten möchte – sollte sich nicht scheuen, Kontakt aufzunehmen. Respekt und Dank gebühren diesen engagierten Menschen, die mit Herz, Verstand und Ausdauer für eine würdevolles Leben im Alter kämpfen. „Alter ist keine Frage des Kalenders, sondern des Engagements.“ – Der Kreisseniorenbeirat beweist es täglich sagt der 1. Vorsitzende Reinhard Vossgrau. Der Kreisseniorenbeirat setzt sich im Wesentlichen aus Mitgliedern der örtlichen Seniorenbeiräte und VertreterInnen der Wohlfahrtsverbände zusammen. Die nächste Sitzung des Kreisseniorenbeirates findet am 18. August um 14 Uhr im Sitzungsraum (barrierefrei) der Kreisverwaltung am Markt in Ratzeburg statt.
Kontakt: Kreisseniorenbeirat Herzogtum Lauenburg, 1. Vorsitzender Reinhard Vossgrau, vossgrau@aol.com











