{"id":68958,"date":"2025-02-08T06:15:00","date_gmt":"2025-02-08T04:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=68958"},"modified":"2025-02-05T10:22:25","modified_gmt":"2025-02-05T08:22:25","slug":"die-lange-reise-des-grabsteins-von-st-jakobi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2025\/02\/08\/die-lange-reise-des-grabsteins-von-st-jakobi\/","title":{"rendered":"Die lange Reise des Grabsteins von St. Jakobi"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>L\u00fcbeck (pm).<\/strong> Wir schreiben das Jahr 1828, es ist tiefster Winter. Ein eisiger Wind bl\u00e4st durch die T\u00fcrritzen der H\u00e4user in der Mengstra\u00dfe. Hier, im Quartier MMQ 4 \u2013 im Haus Nummer 8, wohnt August Gl\u00e4ser, Lehrer an der damaligen T\u00f6chterschule. Bei ihm lebt der 16-j\u00e4hrige Carl Johann Heinrich Kayatz, vermutlich zur Untermiete. Was genau in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar geschah, ist in den alten B\u00fcchern nicht mehr zu finden. Sicher ist, dass der Sohn eines Verwalters aus Parber (heute ein Ortsteil von Rehna) in dieser Nacht starb. Wahrscheinlich an einer Grippe mit hohem Fieber. Ein einzelner Grabstein auf dem Jakobikirchhof erinnert noch heute an ihn.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unhygienische Zust\u00e4nde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch warum steht dieser Stein dort und nicht in Rehna \u2013 dem Heimatort von Carl Kayatz \u2013 und warum ist er der einzige Gedenkstein? \u201eBis 1834 war der Jakobikirchhof \u2013 wie die anderen innerst\u00e4dtischen Kirchh\u00f6fe auch \u2013 ein Begr\u00e4bnisplatz\u201c, wei\u00df Dr. Claudia Tanck, Archivarin des Kirchenkreises L\u00fcbeck-Lauenburg. \u201eDie ganze Innenstadt sah ganz anders aus als heute, es war zum Teil sehr unhygienisch.\u201c So finden sich in den B\u00fcchern des Archivs der Hansestadt L\u00fcbeck Berichte \u00fcber \u201eeinen toten Hund und 13 tote Katzen\u201c, die mit Schutt und Asche abtransportiert wurden. \u201eDie Kirchh\u00f6fe waren nicht nur Friedh\u00f6fe \u2013 die Leute kippten hier einfach ihren Unrat ab\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/KKLL-Luebeck-Archiv-2025-hfr.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-68960\" srcset=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/KKLL-Luebeck-Archiv-2025-hfr.jpg 1000w, https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/KKLL-Luebeck-Archiv-2025-hfr-300x225.jpg 300w, https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/KKLL-Luebeck-Archiv-2025-hfr-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Im Lesesaal des Archivs der Hansestadt L\u00fcbeck studieren Dr. Claudia Tanck und Archiv-Mitarbeiterin Birgit Aschenbrenner alte B\u00fccher und Aufzeichnungen. Foto: Steffi Niemann, KKLL, hfr<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Bestattungen am Burgtorfriedhof<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um dem Herr zu werden und Hygiene in die Stadt zu bringen, wurde der Burgtorfriedhof als Begr\u00e4bnisst\u00e4tte eingerichtet und die Kirchh\u00f6fe wurden geschlossen. \u201eWie der Transport der Gebeine und Grabsteine aus der Innenstadt zum neuen Friedhof funktioniert haben k\u00f6nnte, k\u00f6nnen wir nur vermuten\u201c, sagt Dr. Claudia Tanck. Dass Carl Kayatz nicht in seiner Heimatstadt beigesetzt wurde, hat einen einfachen Grund: \u201eEine \u00dcberf\u00fchrung nach Rehna war einfach zu teuer. \u00dcberall gab es Grenzen zu anderen Kirchspielen und Orten. \u00dcberall musste Wegegeld bezahlt werden. Das schien den Eltern zu viel. Und fr\u00fcher war es \u00fcblich, dort begraben zu werden, wo man starb\u201c, so die Archivarin. Allein in der Innenstadt bildeten die f\u00fcnf Kirchen St. Aegidien, Dom, St. Jakobi, St. Marien und St. Petri f\u00fcnf eigene Kirchspiele mit eigenen Friedh\u00f6fen. \u201eDas ist heute unvorstellbar\u201c, bemerkt sie.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eintauchen in die Geschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die 59-J\u00e4hrige sind es F\u00e4lle wie der von Carl Kayatz, die ihr Forscherherz erw\u00e4rmen. \u201eEs macht mir einfach unglaublich viel Spa\u00df, auf Spurensuche in die Geschichte einzutauchen.\u201c Und so kann ein Nachmittag im Stadtarchiv wie im Flug vergehen \u2013 ein historischer Eintrag f\u00fchrt zum n\u00e4chsten und langsam entsteht ein Bild vor dem inneren Auge, was 1828 passiert sein k\u00f6nnte. Birgit Aschenbrenner, Mitarbeiterin des Stadtarchivs, beteiligt sich spontan an den Recherchen und sorgt immer wieder f\u00fcr Nachschub an Dokumenten, Eintr\u00e4gen und historischen B\u00fcchern. Sie findet heraus, dass Carl Kayatz Sch\u00fcler des Katharineums war und deshalb wahrscheinlich bei seinem Lehrer zur Untermiete wohnte. Doch: \u201eSehr wahrscheinlich wurde Carl Kayatz gar nicht auf dem Jakobikirchhof beigesetzt, sondern auf dem Marienkirchhof. Sp\u00e4ter stand sein Grabstein dann auf dem Burgtorfriedhof\u201c, berichtet Dr. Claudia Tanck. \u201eDa der Grabstein keine Verwendung mehr auf dem Friedhof fand, entschied sich der damalige Pastor Ernst Jansen, ihn im Zuge der Umgestaltung des Jakobikirchhofs Anfang der 50er Jahre dort aufzustellen\u201c, erg\u00e4nzt Jakobi-Pastorin B\u00e4rbel Reichelt. \u201eMit ihm sollte daran erinnert werden, dass sich hier einmal ein Friedhof befand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"750\" src=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Schriften-Archiv-Luebeck-KKLL-hfr.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-68961\" srcset=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Schriften-Archiv-Luebeck-KKLL-hfr.jpg 1000w, https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Schriften-Archiv-Luebeck-KKLL-hfr-300x225.jpg 300w, https:\/\/herzogtum-direkt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Schriften-Archiv-Luebeck-KKLL-hfr-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">In diesen Aufzeichnungen ist \u00fcber den Tod von Carl Johann Heinrich Kayatz zu lesen. Foto: Steffi Niemann, KKLL, hfr<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Kirchhof als Parkplatz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lange Zeit wurde die Fl\u00e4che zwischen K\u00f6nigstra\u00dfe und Breite Stra\u00dfe als Parkplatz genutzt. \u201eErnst Jansen setzte sich daf\u00fcr ein, den Kirchhof als Ruhepol in der Stadt neu zu gestalten und vom Stra\u00dfenverkehr abzutrennen\u201c, wei\u00df Dr. Claudia Tanck. 1953 war es dann soweit und die Tageszeitung titelte am 10. Juli: \u201eSt. Jakobi \u2013 Oase im Stadtverkehr\u201c. Und Carl Johann Heinrich Kayatz hatte endlich seine letzte Ruhest\u00e4tte gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Bestattungskultur in der Innenstadt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1835 wurden die Toten der f\u00fcnf L\u00fcbecker Innenstadtgemeinden aus hygienischen Gr\u00fcnden auf dem Burgtorfriedhof bestattet, die vorhandenen Gr\u00e4ber genossen jedoch Bestandsschutz. So ist der Grabstein von Carl Kayatz ein letztes Relikt: \u201eEs gibt kaum noch sichtbare Zeugnisse f\u00fcr die jahrhundertelange Nutzung der Kirchh\u00f6fe rund um die Innenstadtkirchen als Friedh\u00f6fe\u201c, res\u00fcmiert Dr. Claudia Tanck. Gerade im Hinblick auf die sich stark wandelnde Bestattungskultur und die Tatsache, dass die deutschen Friedh\u00f6fe zum Weltkulturerbe geh\u00f6ren, sollte dieser Teil der L\u00fcbecker Geschichte nicht in Vergessenheit geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute kann jedoch frei gew\u00e4hlt werden: \u201eDie Verstorbenen der Innenstadtgemeinden Dom, St. Aegidien, St. Jakobi und St. Marien werden stadtweit auf den Friedh\u00f6fen, aber auch dar\u00fcber hinaus in Richtung Rensefeld, K\u00fccknitz und Vorwerk beerdigt und beigesetzt. Auch Beerdigungen im Friedwald und Seebestattungen sind m\u00f6glich\u201c, wei\u00df Dom-Pastorin Margrit Wegner. In St. Jakobi gibt es zudem seit 2010 die M\u00f6glichkeit, sich im Columbarium, in der Grabkammer unter der Pamirkapelle, beisetzen zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00fcbeck (pm). Wir schreiben das Jahr 1828, es ist tiefster Winter. Ein eisiger Wind bl\u00e4st durch die T\u00fcrritzen der H\u00e4user in der Mengstra\u00dfe. Hier, im Quartier MMQ 4 \u2013 im Haus Nummer 8, wohnt August Gl\u00e4ser, Lehrer an der damaligen T\u00f6chterschule. Bei ihm lebt der 16-j\u00e4hrige Carl Johann Heinrich Kayatz, vermutlich zur Untermiete. 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