{"id":56196,"date":"2023-12-04T12:36:21","date_gmt":"2023-12-04T10:36:21","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=56196"},"modified":"2023-12-04T12:36:22","modified_gmt":"2023-12-04T10:36:22","slug":"warnung-vor-asbest-welle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2023\/12\/04\/warnung-vor-asbest-welle\/","title":{"rendered":"Warnung vor \u201eAsbest-Welle\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Herzogtum Lauenburg (pm). <\/strong>Tonnen von Baumaterial mit Asbest stecken im Herzogtum in Altbauten. \u201eVon 1950 bis 1989 kamen Asbest-Baustoffe intensiv zum Einsatz. Es ist davon auszugehen, dass es in jedem Geb\u00e4ude, das in dieser Zeit gebaut, modernisiert oder umgebaut wurde, Asbest gibt. Mal mehr, mal weniger\u201c, sagt Achim Bartels von der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG\u00a0BAU). Er spricht von \u201eAsbest-Fallen\u201c und nennt Zahlen: \u201eIn den vier \u201aAsbest-Jahrzehnten\u2018 wurden im Kreis Herzogtum Lauenburg rund 29.300 Wohnh\u00e4user mit 48.400 Wohnungen neu gebaut. Das sind immerhin 50 Prozent aller Wohngeb\u00e4ude, die es heute im Kreis gibt. Dazu kommen noch Gewerbegeb\u00e4ude, Garagen, St\u00e4lle und Scheunen in der Landwirtschaft.\u201c Der Bezirksvorsitzende der IG\u00a0BAU Hamburg verweist dabei auf die \u201eSituationsanalyse Asbest\u201c, die die Bau-Gewerkschaft beim Pestel-Institut (Hannover) in Auftrag gegeben hat.<br><br>\u201eAsbest ist ein krebserregender Stoff. Wer in einem asbestbelasteten Haus wohnt, muss sich trotzdem erst einmal keine Sorgen machen. Erst bei Sanierungsarbeiten wird es kritisch. Dann kann Asbest freigesetzt und damit zu einem ernsten Problem werden\u201c, sagt Achim Bartels. Er warnt vor einer \u201eunsichtbaren Gefahr\u201c, wenn Altbauten zu Baustellen werden: \u201eAlles f\u00e4ngt mit Baustaub und dem Einatmen von Asbestfasern an. Bauarbeiter und Heimwerker haben kaum eine Chance, diese Gefahr zu erkennen.\u201c Bis zu 30 Jahre dauere es, ehe es zur tragischen Diagnose komme: Asbestose \u2013 mit Lungen-, Bauchfell- oder Kehlkopfkrebs. Zum Komplett-Schutz bei einer Sanierung mit Asbest-Gefahr geh\u00f6re daher immer mindestens eine FFP3-Atemschutzmaske. Ebenso ein Muss: Overall, Schutzbrille und Handschuhe.<br><br>\u201eAltbauten im Herzogtum sind ein tonnenschweres Asbest-Lager. Die krebserregende Mineralfaser steckt in vielen Baustoffen. Die \u201aAsbest-Fallen\u2018 lauern \u00fcberall: Asbest ist oft im Putz und sogar in Spachtelmassen und Fliesenklebern. Vor allem aber im Asbest-Zement. Daraus wurden vorwiegend Rohre, Fassadenverkleidungen und Dacheindeckungen gemacht. Eternit war typisch f\u00fcr den Westen, Baufanit f\u00fcr den Osten\u201c, sagt Achim Bartels. Ein gro\u00dfes Problem sei Spritz-Asbest: \u201eHier sind die Asbestfasern schw\u00e4cher gebunden. Sie k\u00f6nnen deshalb leichter freigesetzt werden. Vor allem Aufzugssch\u00e4chte sowie Sch\u00e4chte mit Versorgungs- und Entsorgungsleitungen wurden fr\u00fcher intensiv mit Spritzasbest verkleidet\u201c, erkl\u00e4rt Bartels.<br><br>Die IG\u00a0BAU Hamburg spricht von einer neuen \u201eAsbest-Gefahr\u201c: \u201eWir stehen am Anfang von zwei Sanierungsjahrzehnten. Die energetische Geb\u00e4udesanierung wird enorm an Fahrt aufnehmen. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, wird auch im Kreis Herzogtum Lauenburg in den n\u00e4chsten Jahren ein Gro\u00dfteil der Altbauten \u201aangefasst\u2018.\u201c Dabei bleibe es in den meisten F\u00e4llen nicht bei einer reinen Energiespar-Sanierung: \u201eWohnh\u00e4user werden modernisiert, senioren- und familiengerecht umgebaut. Es wird angebaut und aufgestockt, um mehr Wohnraum zu bekommen\u201c, so Bartels.<br><br>Mit der Sanierungswelle drohe deshalb jetzt auch eine \u201aAsbest-Welle\u2018 auf dem Bau. \u201eSie ist eine Gefahr \u2013 f\u00fcr Bauarbeiter genauso wie f\u00fcr Heimwerker\u201c, sagt der Bezirksvorsitzende der Bau-Gewerkschaft. Aber IG\u00a0BAU und Pestel-Institut geben auch Entwarnung. F\u00fcr die Menschen, die in Wohngeb\u00e4uden leben, die mit asbesthaltigen Baustoffen gebaut wurden, haben sie eine klare Botschaft: \u201eEine unmittelbare Gef\u00e4hrdung f\u00fcr die Gesundheit gibt es nicht.\u201c Bei einer Sanierung im bewohnten Zustand sei es allerdings wichtig, mit \u201eallergr\u00f6\u00dfter Sorgfalt professionell vorzugehen\u201c, mahnen Achim Bartels und der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias G\u00fcnther.<br><br>Die IG\u00a0BAU will der drohenden \u201eAsbest-Welle\u201c auf dem Bau jetzt mit einem Ma\u00dfnahmenpaket entgegentreten. Die Bau-Gewerkschaft hat dazu eine bundesweite \u201eAsbest-Charta\u201c mit zentralen Forderungen f\u00fcr mehr Schutz vor Asbest vorgelegt. Der 5-Punkte-Katalog kann bei der IG\u00a0BAU Hamburg angefordert werden: hamburg@igbau.de. \u201eEs geht dabei um bessere Informationen \u00fcber Asbest-Gefahren bei Geb\u00e4uden, um die F\u00f6rderung von Asbest-Sanierungen und vor allem auch um konsequenten Arbeitsschutz. Denn der bevorstehende Sanierungsboom darf nicht zu einer Krankheitswelle f\u00fchren\u201c, warnt Achim Bartels.<br><br>Der Gewerkschafter fordert einen Schadstoff-Geb\u00e4udepass mit unterschiedlichen Gefahrenstufen f\u00fcr die jeweilige Asbest-Belastung eines Geb\u00e4udes. \u201eJeder Bauarbeiter und jeder Heimwerker muss wissen, auf was er sich einl\u00e4sst, wenn er Fliesen abschl\u00e4gt, W\u00e4nde einrei\u00dft oder Fassaden saniert\u201c, so Achim Bartels.<br><br>Er pl\u00e4diert au\u00dferdem f\u00fcr eine staatliche Sanierungspr\u00e4mie. Dazu m\u00fcsse der Bund ein KfW-F\u00f6rderprogramm \u201eAsbest-Sanierung\u201c schaffen. \u201eDas hilft, Kosten abzufedern, die bei einer \u2013 beispielsweise energetischen oder altersgerechten \u2013 Geb\u00e4udesanierung in asbestbelasteten Wohnh\u00e4usern zus\u00e4tzlich entstehen. Au\u00dferdem lie\u00dfe sich damit auch eine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Entsorgung von alten Asbest-Baustoffen sicherstellen\u201c, so der Vorsitzende der IG\u00a0BAU Hamburg.<br><br>Die Gewerkschaft fordert deshalb eine intensive Asbest-Aufkl\u00e4rung: \u201eBauarbeiter und Heimwerker m\u00fcssen wissen, wie der optimale Schutz vor Asbest aussieht. Und das muss den Menschen in der Sprache gesagt werden, die sie verstehen \u2013 den ausl\u00e4ndischen Besch\u00e4ftigten also auch in ihrer Muttersprache\u201c, so Achim Bartels. Er fordert deshalb eine Informationskampagne des Bundes und der L\u00e4nder. Die heimischen Bundestagsabgeordneten seien jetzt am Zug, den drohenden Gefahren einer \u201eAsbest-Welle\u201c rechtzeitig mit einem effektiven Ma\u00dfnahmenpaket entgegenzutreten.<br><br>Die Dimension und damit auch die Gefahr, die vom Asbest ausgehe, sei gewaltig: Insgesamt sind nach Angaben des Pestel-Instituts von 1950 bis 1990 bundesweit rund 4,35 Millionen Tonnen Asbest (Ost- und Westdeutschland) importiert worden. Daraus seien rund 3.500 Produkte hergestellt worden \u2013 die meisten davon f\u00fcr den Baubereich: Knapp 44\u00a0Millionen Tonnen asbestbelastetes Baumaterial stecken bundesweit im Geb\u00e4udebestand. In den vergangenen zehn Jahren sind nach Angaben der IG\u00a0BAU 3.376 Versicherte der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG\u00a0BAU) an den Folgen einer asbestbedingten Berufserkrankung gestorben \u2013 darunter allein 320 Baubesch\u00e4ftigte im vergangenen Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herzogtum Lauenburg (pm). 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