{"id":47356,"date":"2023-01-22T06:58:00","date_gmt":"2023-01-22T04:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=47356"},"modified":"2023-01-20T12:04:52","modified_gmt":"2023-01-20T10:04:52","slug":"neue-herausforderungen-fuer-die-luebecker-bahnhofsmission","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2023\/01\/22\/neue-herausforderungen-fuer-die-luebecker-bahnhofsmission\/","title":{"rendered":"<strong>Neue Herausforderungen f\u00fcr die L\u00fcbecker Bahnhofsmission<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>L\u00fcbeck (pm). <\/strong>Die Pandemie, das Eintreffen der Gefl\u00fcchteten aus der Ukraine und das 9-Euro-Ticket. Die \u00d6kumenische Bahnhofsmission L\u00fcbeck muss sich immer wieder auf neue Herausforderungen einstellen. Man k\u00f6nnte die \u00d6kumenische Bahnhofsmission L\u00fcbeck fast \u00fcbersehen. Sie hat ihre R\u00e4ume versteckt unter den Backsteinarkaden links vom Haupteingang des Bahnhofs.<\/p>\n\n\n\n<p>Blaue Schilder weisen den Weg zu einem hell erleuchteten Fenster. Hier befindet sich seit Anfang 2021 die Ausgabe-Luke der Bahnhofsmission. Die ehrenamtliche Helferin Heike Bastian begr\u00fc\u00dft jeden Gast freundlich, reicht mal einen Kaffee raus, eine T\u00fcte mit einem K\u00e4sebrot oder auch etwas S\u00fc\u00dfes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klientel der Bahnhofsmission hat sich ver\u00e4ndert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Klientel hat sich sehr ver\u00e4ndert&#8220;, beobachtet Heike Bastian. Sie kommt aus Reinfeld und arbeitet seit Mai 2018 einmal in der Woche bei der Bahnhofsmission. &#8222;Ich habe den Eindruck, dass einsame, \u00e4ltere Menschen aus dem Bahnhofsumfeld, die uns als Anlaufstelle gesehen und bei uns einen Kaffee getrunken oder einen Kl\u00f6nschnack gesucht haben, den Weg nicht mehr so zu uns finden. F\u00fcr die war es sch\u00f6n, sich hier reinzusetzen, sich zu unterhalten. Das hat sich ver\u00e4ndert. Es gab einmal im Monat ein sehr sch\u00f6nes Fr\u00fchst\u00fcck, das wurde immer sehr gut angenommen. Das haben wir jetzt gar nicht mehr.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zunehmend Anlaufstelle f\u00fcr Suchtkranke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie an so vielen Orten, sind auch hier geliebte und gewohnte Dinge der Pandemie zum Opfer gefallen &#8211; so auch das beliebte Fr\u00fchst\u00fcck. Zurzeit werden keine G\u00e4ste in die engen R\u00e4umlichkeiten der Bahnhofsmission hineingelassen, stattdessen gibt es die Ausgabe-Luke. Hier kommen zunehmend auch G\u00e4ste mit Suchthintergrund. Das hat damit zu tun, dass der Drogentreffpunkt am Kr\u00e4henteich von der Stadt aufgel\u00f6st wurde. Der Bahnhofsvorplatz und eine nahegelegene Gr\u00fcnanlage wurden zunehmend zum Treffpunkt f\u00fcr Menschen mit Hilfebedarf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir hatten einige Monate, in denen auch Menschen auf Entzug herkamen und sehr nerv\u00f6s waren&#8220;, erz\u00e4hlt Susanne M\u00f6llers. Sie ist seit Januar 2022 Leiterin der Bahnhofsmission.&nbsp; &#8222;Diese Situation hat einigen Ehrenamtlern Sorgen bereitet. Wir bekommen hier die Arbeit der Bundespolizei, Landespolizei und der Ordnungsdienste der Stadt L\u00fcbeck mit. Das hat uns alle vor gro\u00dfe Anforderungen gestellt. Mit vereinzelten aggressiven Ausbr\u00fcchen sind Nicht-Fachleute auch mal \u00fcberfordert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jeder Tag in der Bahnhofsmission ist anders<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Bahnhofsmission sieht sich als niedrigschwellige Anlaufstelle f\u00fcr &#8222;alle&#8220;. P\u00f6beleien habe es immer schon gegeben, sagt Ehrenamtlerin Heike Bastian. Grunds\u00e4tzlich aber sei das Klima ruhig. &#8222;Die meisten sind friedlich und wissen, was sie an uns haben. Sie wissen, dass auch ein Platzverweis drohen k\u00f6nnte.&#8220; In der zweiten H\u00e4lfte des Monats sei meistens mehr los, weil das Geld knapp werde. &#8222;Das merken wir, weil die Leute sich vermehrt einen Kaffee oder Brot holen&#8220;, schildert die Ehrenamtliche. &#8222;Man kann aber nie voraussagen, wie der Tag l\u00e4uft, das ist auch das Reizvolle an dieser Arbeit. Man hat auf einmal eine Situation, auf die man reagieren muss und versucht eine L\u00f6sung zu finden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eng vernetzt mit der Deutschen Bahn und der Bundespolizei<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission sind eng vernetzt &#8211; mit der Bundespolizei eine T\u00fcr weiter, mit den Sicherheitsleuten der Bahn und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Servicepunkt, aber auch mit den zahlreichen anderen Hilfsangeboten in der Stadt, an die sie gegebenenfalls verweisen. &#8222;Wir geh\u00f6ren zur Gesamtsituation Bahnhof. Wir wollen ihn zu einem angenehmen Ort machen, wo gute Erlebnisse m\u00f6glich sind und Leute sicher reisen und Hilfe bekommen&#8220;, sagt Susanne M\u00f6llers. Hilfe leisten die rund 15 ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen der Bahnhofsmission an ganz unterschiedlichen Stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rt die Begleitung von Menschen mit Behinderung, Umsteigehilfen, aber auch Unterst\u00fctzung beim Fahrkartenkauf oder anderen kurzfristigen Problemen. &#8222;Es gibt Menschen, die wir schon seit Jahren fest betreuen, aber auch Anfragen, die uns per Mail oder telefonisch erreichen&#8220;, schildert M\u00f6llers. Auch, als die ersten Gefl\u00fcchteten aus der Ukraine eintrafen, war das Team der Bahnhofsmission gefordert. Mit Sprach-Apps und Kommunikation \u201emit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen&#8220; versuchte man auch hier zu helfen, Anlaufstellen zu vermitteln oder schlicht mit Essen und Getr\u00e4nken auszuhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>9-Euro-Ticket sorgt f\u00fcr Extremsituationen am Bahnhof<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;In der Bahnhofsmission sprechen wir von G\u00e4sten&#8220;, betont Susanne M\u00f6llers. &#8222;Das hat damit etwas zu tun, dass sie hier am Bahnhof Reisende sind. Sie kommen an, sie fahren ab, sie verweilen. Und manche h\u00e4ngen auch rum. Es ist ein Ort der Begegnung im weitesten Sinne und f\u00fcr manche auch ein Ort des Schutzes.&#8220; Mit der Einf\u00fchrung des 9-Euro-Tickets potenzierten sich die Aufgaben um ein Vielfaches, erz\u00e4hlt sie. &#8222;Leute kamen nicht an die Z\u00fcge, Reisegruppen wurden auseinandergerissen. Z\u00fcge fielen aus. Menschen waren verzweifelt. Das haben auch die langj\u00e4hrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch nie erlebt. Und da waren manche Fahrg\u00e4ste, die nicht schnell und flexibel reagieren konnten, aufgeschmissen. Wir machen keinen Unterschied. Wir bieten f\u00fcr alle Hilfe an. Jemand, der Schwierigkeiten mit dem Zugfahren hat, kann uns ansprechen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Menschen am \u00e4u\u00dfersten Rand erreichen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00d6kumenische Bahnhofsmission L\u00fcbeck gibt es seit \u00fcber 100 Jahren. Tr\u00e4ger sind die Gemeindediakonie L\u00fcbeck und der Caritasverband. Unterst\u00fctzt wird sie auch durch viele Spenden. So reichen viele L\u00fcbeckerinnen und L\u00fcbecker auch im Vorbeigehen Kaffee, Tee oder Schlafs\u00e4cke herein oder spenden Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Armut hat viele Gesichter, das beobachten Susanne M\u00f6llers und ihr Team immer wieder. &#8222;Wir haben hier im Winter auch Menschen erlebt, die drau\u00dfen geschlafen haben, v\u00f6llig unzureichend bekleidet, mit Badelatschen. Ich muss sagen: Diese Form von Armut hatte ich bisher im Stadtbild nicht wahrgenommen. Und ich habe 40 Jahre im Jugendamt gearbeitet. Ich kenne Armut in vielen Auspr\u00e4gungen.&#8220; Sie erg\u00e4nzt: &#8222;Es gibt Menschen, die mit dem vorhandenen Hilfesystem nicht erreicht werden. Die nicht daran teilnehmen wollen, nicht in Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte wollen. Da kann die Bahnhofsmission Pr\u00e4senz zeigen. An einem Rand, den es gibt. Und dieser Rand ist ganz sch\u00f6n gro\u00df.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Stra\u00dfenbild habe sich ver\u00e4ndert, sagt auch Heike Bastian, die immer mehr Menschen beobachtet, die Papierk\u00f6rbe durchsuchen. Gleichzeitig habe die verdeckte Armut zugenommen. &#8222;Wir haben auch junge Menschen, auf dem Weg zur Uni, die sich hier morgens ein Brot abholen&#8220;, f\u00fcgt Susanne M\u00f6llers hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Den Bahnhof etwas menschlicher machen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Heike Bastian und ihre Kolleginnen und Kollegen bekleidet mit ihren leuchtend blauen Westen durch die Bahnhofshalle gehen, sprechen sie Menschen, die hilfsbed\u00fcrftig aussehen, gezielt an: &#8222;Ich habe keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, obwohl ich die Gefahr auch sehe&#8220;, sagt die Renterin. &#8222;Seit ich hier bin, habe ich, au\u00dfer Beschimpfungen, die man nicht pers\u00f6nlich nehmen darf, keine schlechten Erfahrungen gemacht. Es ist keiner auf mich losgegangen. Man darf nicht blau\u00e4ugig sein, aber wir haben ja auch Ansprechpartner, die hier helfen.&#8220; Das Ehrenamt habe sie sich bewusst ausgesucht, weil sie vor allem der Kontakt mit den Menschen reizt. &#8222;Wir bekommen eine Ausbildung und auch Fortbildungen, die bezahlt werden. Das ist ein gutes Angebot&#8220; Und eines liebt sie besonders an ihrem Job am Bahnhof: &#8222;Die T\u00e4tigkeit macht hier alles ein bisschen menschlicher. Auch wenn jemand sich nicht dankbar zeigt, hat man dem vermutlich dennoch was Gutes getan.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kann ein Weg aus der Pandemie aussehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Jahr 2023 stehen neue Aufgaben an. &#8222;Wie kann ein Weg aus der Pandemie aussehen? Wie k\u00f6nnen wir wieder Normalit\u00e4t in den Innenr\u00e4umen anbieten?&#8220; Das sind zentrale Fragen, die sich Susanne M\u00f6llers und ihr Team stellen. Langfristig soll es wieder einen Ort geben, wo man sich in Ruhe niederlassen kann, vielleicht auch wieder ein Fr\u00fchst\u00fcck einmal im Monat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bahnhofsmission kann noch Unterst\u00fctzung von Ehrenamtlichen brauchen! Gearbeitet wird in einem Schichtsystem, von 8:30 Uhr bis 13 Uhr und von 13 Uhr bis 17:30 Uhr. In Schnupperdiensten k\u00f6nnen Interessierte herausfinden, ob die Aufgabe etwas f\u00fcr sie ist. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der Gemeindediakonie L\u00fcbeck: www.gemeindediakonie-luebeck.de.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00fcbeck (pm). Die Pandemie, das Eintreffen der Gefl\u00fcchteten aus der Ukraine und das 9-Euro-Ticket. Die \u00d6kumenische Bahnhofsmission L\u00fcbeck muss sich immer wieder auf neue Herausforderungen einstellen. Man k\u00f6nnte die \u00d6kumenische Bahnhofsmission L\u00fcbeck fast \u00fcbersehen. 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