{"id":4505,"date":"2018-06-10T09:59:59","date_gmt":"2018-06-10T07:59:59","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=4505"},"modified":"2018-06-10T10:02:18","modified_gmt":"2018-06-10T08:02:18","slug":"zeitgeschenke-am-ratzeburger-see","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2018\/06\/10\/zeitgeschenke-am-ratzeburger-see\/","title":{"rendered":"Zeitgeschenke am Ratzeburger See"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Vera Bade<\/strong><\/p>\n<p>Vor kurzem habe ich den Spruch geh\u00f6rt: &#8222;Nimm Dir Zeit f\u00fcr Deine Freunde bevor die Zeit Dir Deine Freunde wegnimmt&#8220;. Und noch einen dazu passenden: &#8222;Mit wem Du Zeit verbringst, dem schenkst Du Dein Leben&#8220;.<\/p>\n<p>\u00dcber die meisten seiner &#8222;Zeitgeschenke&#8220; denkt man nicht t\u00e4glich nach. Es l\u00e4uft ja alles routinenm\u00e4\u00dfig : Arbeit, Familie, Autofahren, Shopping, Putzen, Urlaub usw. Erst wenn man \u00e4lter wird, &#8222;auf der letzten Strecke&#8220; so zu sagen, wird die Zeit viel kostbarer und man lernt damit besser umzugehen. Oder man lernt es nicht.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmter Tech-Guru und Vordenker des Internets Jaron Lanier bereist jetzt die USA und als Kritiker von Social-Media-Netztwerke ruft die Menschen auf, ihre Social Media Accounts sofort zu l\u00f6schen. &#8222;Delete it all! Steige aus und lebe! Jetzt, gleich!&#8220; Die &#8222;S\u00fcddeutsche Zeitung&#8220; hat<br \/>\n\u00fcber seine Auftritte und B\u00fccher am 1. Juni im Artikel &#8222;Delete it all&#8220; berichtet.<\/p>\n<p>An einem sehr warmen Nachmittag versuchte ich vor einigen Tagen, meinen Mann von seiner Arbeit am PC zu trennen. &#8222;Komm, auf das Fahrrad! Los! Wir haben schon so viele so sch\u00f6ne Tage verpasst!&#8220; Nichts hat geholfen, und bald genoss ich die Ratzeburger Promenade alleine. Der Weg entlang am Ratzeburger See ist f\u00fcr mich ein &#8211; schon normaler &#8211; regelm\u00e4\u00dfiger Genu\u00df. An diesem Tag war der See besonders sch\u00f6n mit Bildern auf dem spiegelglattem Wasser, mit Licht und Farben am Himmel. Etwas hing in der Luft und machte alle Passanten und Radfahrer heiter und gl\u00fccklich. Wir tauschten Blicke und Begr\u00fc\u00dfungen, als ob wir einander sagen wollten: &#8222;Sowas heute! Herrlich, ah?&#8220;<\/p>\n<p>Ratzeburg kennt solche Tage \u00f6fter, denke ich, als andere St\u00e4dtchen, die auch reich an Natur &#8211; Wald und Wasser und logischerweise auch an Naturgenie\u00dfern, sind. Paare, jung und alt, lieben die Promenade. Romantische Aussichten, egal wo man hinschaut. Man sieht bunte Kanus und Ruderboote, beneidet auch wegen der nahliegenden Badestelle bei Aqua Siwa die Bewohner der H\u00e4user auf der Insel.<\/p>\n<p>\u00dcberrascht war ich an diesem Tag, als ich aus dem Busch am See exotische Musik h\u00f6rte, die &#8222;in unseren Breiten&#8220; nie zu h\u00f6ren ist. Es klang nach dem arabischen Raum. Aus Syrien, Irak? Die haben da anders klingende Musikinstrumente, die uns unbekannt sind. Wer sitzt da im Busch und denkt voller Sehnsucht an seine Heimat, dachte ich? Oder will er uns Ratzeburgern mitteilen, dass sein Land sch\u00f6nere Musikund Lieder hat als den westlichen Rap?<\/p>\n<p>Ich fuhr weiter, am das Rathaus vorbei und sah links unten Menschen im Biergarten an langen Tischen, mit Blicken auf den See. Im Restaurant mit Seeterrasse machte ich eine Pause. Die Terrasse war sonnig, die Menschen an f\u00fcnf Tischen entspannt und still wie der See. Ungew\u00f6hnlich war es, alle Segelschiffe ohne Segler am Ufer geparkt zu sehen. Kein Hauch vom Wind, klar.<\/p>\n<p>Von der Jugendherberge nebenan h\u00f6rte man aber gl\u00fcckliches Lachen von Kindern, die im Wasser planschten und jeden Spa\u00df miteinander laut genossen. Die N\u00e4he zur Jugendherberge macht das Restaurant noch attraktiver, das prachtvolle Seepanorama mit dem ansteckenden Lachen und vergn\u00fcgten Rufen. Segelschule nebenan. Ich sass da im gem\u00fctlichen Strandkorb &#8211; davon gibt es zwei im Restaurant &#8211; als pl\u00f6tzlich eine Entenmutter mit f\u00fcnf ganz kleinen Jungen auf die Terrasse spazierte. Die Kleinen suchten flei\u00dfig zwischen den Tischen Kr\u00fcmelchen am Boden und die frechsten &#8211; zwei Minis &#8211; sprangen sogar \u00fcber die Schwelle ins Restaurant rein, wo die Kellnerin sie mit breitem L\u00e4cheln beobachtete.<\/p>\n<p>Der junge Koch sah wie ein Latino aus und als er sp\u00e4ter neben der Theke stand, habe ich ihn gefragt, aus welchem Land er war. &#8222;Aus Kolumbien&#8220;, sagte er. &#8222;Oh, aus Kolumbien! Nach dem Vertrag mit dem FARC ist es da ruhiger geworden?&#8220;- fragte ich. &#8222;Ja, ruhiger. Hoffentlich, bleibt es so&#8220;, antwortete er. Ich denke an meinen Patensohn, der mit einer Kolumbianerin nach M\u00fcnchen gezogen ist. Sie sind verheiratet und haben schon zwei Kinder. Er hat einige Jahre im Ausland gelebt, darunter auch in Kolumbien, und hat dort seine Frau gefunden.<\/p>\n<p>Wie viel Welt ist schon im kleinen Ratzeburg vorhanden? Manchmal frage ich neugierig und freundlich Menschen an der Bushaltestelle oder sonstwo in der Stadt, aus welchem Land sie kommen &#8211; nur dann nat\u00fcrlich falls sie f\u00fcr uns, Europ\u00e4er, exotisch aussehen. Junge Iraker und Syrer erkennt man schon auf der Strasse. Aber es gibt Menschen aus Ghana, Senegal und auch viele Russlanddeutsche sehe und h\u00f6re ich in Ratzeburg. Am Freitag, den 8 Juni hat eine\u00a0 Ratzeburgerin einen <a href=\"https:\/\/2021.herzogtum-direkt.de\/index.php\/2018\/05\/24\/laendersalon-suedkorea\/\">interessanten Vortrag \u00fcber S\u00fcdkorea<\/a>, das Land ihrer Eltern, im Frauenwerk gehalten.<\/p>\n<p>Als der deutsche Astroaunat Gerst vor seinem Abflug zur Internationalen Raumstation am 6 Juni sagte: &#8222;Meine Heimat ist Erde&#8220;, habe ich ihn gut verstanden. Wenn wir so gut miteinander auskommen k\u00f6nnten wie die da im All, h\u00e4tten Frieden und Kooperation auf unserer gemeinsamen Heimat Erde gegen\u00fcber dem Krieg und Elend gewonnen.<\/p>\n<p>Bei einer Antikriegsdemos Anfang 2000 in M\u00fcnchen, wo ich \u00fcber 40 Jahre gelebt habe, war mein Plakat sehr kurz: &#8222;Kriegsgelder f\u00fcr Friedensprojekte!&#8220; Der Appell bleibt aktuell bis heute. Wird sogar gerade aktueller, denke ich, wo der US Pr\u00e4sident Trump Europa zu mehreren milit\u00e4rischen Ausgaben aufruft.<\/p>\n<p>Am 8. Juni h\u00f6rte ich im Deutschlandfunk ein Interview mit Thomas Oppermann, dem Vizepr\u00e4sidenten des Bundestags, der sich auf den Weg nach Moskau machte und sein Fu\u00dfballtrikot im Gep\u00e4ck hatte. Was f\u00fcr eine tolle Idee: deutsche Parlamentarier spielen mit den Abgeordneten von Duma Fussball! Vielleicht hilft es ihnen danach, bessere L\u00f6sungen f\u00fcr Weltproblemen zu finden? &#8222;Live and let live&#8220; &#8211; diese Lebenshaltung wird von allen V\u00f6lkern bevorzugt&#8230;<\/p>\n<p>Das Denken ist manchmal entspannter beim Radfahren oder beim Langlauf: die Beine machen automatisch ihre Arbeit, die frische Luft regt an, wir denken mit dem ganzen K\u00f6rper. Frei und in Bewegung, wie Kinder.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck sah ich aus der Ferne meinen Mann auf dem Fahrrad mir entgegenkommen. Super! &#8222;Delete it all!&#8220; hat wenigstens f\u00fcr heutigen Nachmittag gewirkt! Wir k\u00f6nnen, dachte ich, unsere gegenseitigen &#8222;Zeitgeschenke&#8220; auf unserer Liebligsbank in der Stadtpark &#8222;auspacken&#8220;&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Vera Bade Vor kurzem habe ich den Spruch geh\u00f6rt: &#8222;Nimm Dir Zeit f\u00fcr Deine Freunde bevor die Zeit Dir Deine Freunde wegnimmt&#8220;. 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