{"id":33820,"date":"2021-10-28T08:03:54","date_gmt":"2021-10-28T06:03:54","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=33820"},"modified":"2021-10-29T09:41:34","modified_gmt":"2021-10-29T07:41:34","slug":"klimaprognosen-fuer-schleswig-holstein-und-die-zukuenftige-baumartenwahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2021\/10\/28\/klimaprognosen-fuer-schleswig-holstein-und-die-zukuenftige-baumartenwahl\/","title":{"rendered":"Klimaprognosen f\u00fcr Schleswig-Holstein und die zuk\u00fcnftige Baumartenwahl"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Brunsmark (pm).<\/strong> Die Wahrscheinlichkeit, dass im Norden Deutschlands D\u00fcrreperioden deutlich l\u00e4nger werden, nimmt zu. Eine enorme Herausforderung f\u00fcr die heimischen Baumarten, wenn sie mit der Schnelligkeit des Klimawandels Schritt halten wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwar wandern bestimmte Baumarten auch mit Hilfe der nat\u00fcrlichen Migration vom Balkan in Richtung S\u00fcddeutschland ein \u2013 mit einer Geschwindigkeit von 800 Metern pro Jahr zum Beispiel die Zerreiche \u2013 diese Geschwindigkeit d\u00fcrfte aber nicht ausreichen um dem Klimawandel rechtzeitig zu begegnen. Auf einer gemeinsamen Fortbildungs-Veranstaltung der Lehranstalt f\u00fcr Forstwirtschaft und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) in den Kreisforsten Herzogtum Lauenburg berieten sich die F\u00f6rsterinnen und F\u00f6rster des Kreises, der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten und des Privatwaldbesitzes, wie sich die Waldstandorte und Baumartenzusammensetzungen an die Klimaprognosen anpassen lassen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr die Baumartenwahl in Schleswig-Holstein? Forschende der NW-FVA legen f\u00fcr die Beurteilung von Standorten f\u00fcr den Wald der Zukunft einen sogenannten Trockenstressindikator zugrunde. Dieser ergibt sich aus der Summe des Niederschlags abz\u00fcglich der zu erwartenden, potenziellen Verdunstung und der Wassermenge, die ein Boden pflanzenverf\u00fcgbar speichern kann. Diese Standortwasserbilanzen gelten aber nicht f\u00fcr grund- und stauwasserversorgte Standorte, die Expertinnen und Experten erwarten deshalb insbesondere an eben solchen Standorten mit der zunehmenden Grundwasserspiegelabsenkung massive Probleme. \u201eWo es heute wechselfeucht ist, kann es morgen sehr wahrscheinlich wechseltrocken werden.\u201c, erl\u00e4utert Hans Hamkens von der NW-FVA.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Trockenstress-Risiko sehen die Experten bei der feuchtigkeitsliebenden Fichte, gefolgt von der Buche. Ziel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der NW-FVA ist es, ein Baumartenangebot in Anlehnung an eine Risikoabsch\u00e4tzung zu machen. Wo die Buche w\u00e4chst, wird empfohlen auch mit Wei\u00dftanne zu erg\u00e4nzen. Statt nur auf Eiche zu setzen, ist es besser verschiedene Ahornarten einzubringen, um sich m\u00f6glichst breit aufzustellen. Die neuen Waldentwicklungstypen ber\u00fccksichtigen die unterschiedlichen Vorlieben der Baumarten und die Naturn\u00e4he: wie gut ist die Streuzersetzung im Boden, welche Symbiosen entstehen mit den Mykorrhiza-Pilzen? Wie frosthart ist eine Baumart? Aber auch: welches Waldbild w\u00fcnschen sich die Menschen vor Ort zur Erholung? Welche Baumarten werden zuk\u00fcnftig zur Holzerzeugung relevant sein? In der Empfehlung wird sich immer eine Mischungsform verschiedener Baumarten ergeben, denn die aktuellen Erkenntnisse zeigen: die Buche wurzelt tiefer, wenn sie in Mischung mit anderen Baumarten steht, ein ungleichaltriger stufiger Wald bietet mehr Resilienz und \u00d6kosystem-Kontinuit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Diskussion an den verschiedenen Waldbildern in der Revierf\u00f6rsterei Brunsmark wird deutlich: es braucht vor allem gut ausgebildetes Forstpersonal, um zu erkennen,&nbsp;wo verj\u00fcngt sich der Wald selbst und welche Baumarten fehlen, weil sie vom Wild verbissen werden, wo wird die nat\u00fcrliche Waldverj\u00fcngung zugelassen und gegebenenfalls erg\u00e4nzt und wo soll der Wald aktiv mit Baumarten angereichert werden, um mehr in eine Ungleichaltrigkeit \u00fcberzugehen und in der R\u00fcckversicherung einen jungen Wald auf der Fl\u00e4che stehen zu haben, wenn die alten B\u00e4ume Sturm oder Sch\u00e4dlingsbefall zum Opfer fallen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der NW-FVA empfehlen die Erfahrungen und Erkenntnisse mit den heimischen und etablierten Baumarten voll auszusch\u00f6pfen, bevor die Waldbesitzenden mit seltenen und nichtheimischen Baumarten experimentieren. Umso mehr erwartet die Forstbranche in Schleswig-Holstein eine Bereitstellung der Ergebnisse als Web-Applikation mit den Baumartenempfehlungen passend zum jeweiligen Standort. Die Ver\u00f6ffentlichung der App der NW-FVA f\u00fcr Schleswig-Holstein ist f\u00fcr Herbst 2022 geplant \u2013 dann beginnt wieder die Pflanzsaison f\u00fcr die n\u00e4chste Waldgeneration im Norden.<\/p>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzende Informationen: In Kooperation mit der NW-FVA finden in den Kreisforsten Herzogtum Lauenburg die folgenden wissenschaftlichen Untersuchungen statt: Envirus \u2013 Untersuchung des Eschentriebsterbens aufgrund einer Infektion mit einer aus Asien vor 10 Jahren eingeschleppten Pilzerkrankung. Verbundprojekt in Zusammenarbeit mit der Uni G\u00f6ttingen und Geobotaniker*innen aus Kiel in Bezug auf genetische Resistenzen, Abh\u00e4ngigkeit verschiedenster Arten beispielsweise Orchideen und m\u00f6glichen Ersatzbaumarten wie Flatterulme statt Eiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchsfl\u00e4chen im Str\u00fccken mit seltenen heimischen Baumarten (Elsbeere) und nichtheimischen Arten (Baumhasel, Esskastanie, Bornm\u00fcllertanne, Schwarznuss) f\u00fcr einen Erkenntnisgewinn hinsichtlich Anwuchserfolg, Pfegeaufwand, Wuchsverhalten, Streuzersetzung usw. unter kontrollierten vergleichbaren Bedingungen in strukturierten Testanbauten wie sie von der Wissenschaft und FSC gefordert werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Hintergrund: \u00dcber die sich zunehmend versch\u00e4rfenden Temperaturanomalien der vergangenen 30 Jahre ist man sich in der Wissenschaft einig. Aktuell rechnen die Forscher und Forscherinnen mit vier Klimaszenarien, die sich mit ihrem globalen Anstieg der Sonnenstrahlung zwischen 2,6 und 8,5 Watt pro Quadrameter bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem R\u00fcckspiegel betrachtet wurde das Klima in der Forstwirtschaft immer als eine unver\u00e4nderliche Konstante gesehen. Je nach Summe der Niederschl\u00e4ge, Temperaturschwankungen, Gefahr von Sp\u00e4tfr\u00f6sten, der Exposition und Bodenbeschaffenheit erwartete man eine andere Form der nat\u00fcrlichen und angepassten Vegetation und Baumarten. Auf diese Weise ergab sich aus der Summe des Wasser- und N\u00e4hrstoffhaushalts in Abh\u00e4ngigkeit von der Region und den Klimabesonderheiten ein bestimmter Waldtyp. In den gut wasser- und n\u00e4hrstoffversorgten Standorten im Norden der Kreisforsten befindet sich das sogenannte Buchenoptimum, auf den \u00e4rmeren Standorten im S\u00fcdkreis wurden auf ehemaligen Ackerfl\u00e4chen junge Kiefernw\u00e4lder angepflanzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brunsmark (pm). Die Wahrscheinlichkeit, dass im Norden Deutschlands D\u00fcrreperioden deutlich l\u00e4nger werden, nimmt zu. Eine enorme Herausforderung f\u00fcr die heimischen Baumarten, wenn sie mit der Schnelligkeit des Klimawandels Schritt halten wollen. 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