{"id":28148,"date":"2021-01-25T10:55:20","date_gmt":"2021-01-25T08:55:20","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=28148"},"modified":"2021-01-25T11:04:24","modified_gmt":"2021-01-25T09:04:24","slug":"leserbrief-lesen-bildet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2021\/01\/25\/leserbrief-lesen-bildet\/","title":{"rendered":"Leserbrief: Lesen bildet"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich alte Zeitungen zum Altpapiercontainer bringe, tut es mir in der Seele weh. Als Journalistin ist es mir bewu\u00dft, dass es um quasi &#8222;Entsorgung&#8220; &#8211; wie vom Restm\u00fcll oder Biom\u00fcll &#8211; von Gedanken, Analysen und \u00fcberhaupt um Nachdenken vieler Menschen \u00fcber die Sorgen und Probleme unserer Zeit geht. Um die Arbeit von zig-Tausenden Journalisten, die daf\u00fcr Wochen wenn nicht Monate oder Jahre f\u00fcr ihren Texte recherchiert haben, manchmal brilliante Texte unter durchschnittlichen. Im Altpapierkontainer liegen auch tolle Fotos und Karikaturen &#8211; die Arbeit von noch zig-Tausenden Menschen. Zeitungen und Magazine kosten viel Geld, das &#8222;entsorge&#8220; ich quasi mit&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Eine Tageszeitung ist wie eine Eintagsfliege, ihr Leben ist zu kurz&#8220;, sagte mal ein Journalist mit dem gleichen Gef\u00fchl wie bei mir. Klar, irgendwo werden die Kopien aufbewahrt, sie sind im Prinzip zug\u00e4nglich f\u00fcr jeden, der auch in alten Zeitungen etwas sucht. Aber sind es viele, die nochmal kluge Gedanken \u00fcber unser komplexes menschliches Universum oder Vorschl\u00e4ge zu Probleml\u00f6sungen nochmal wie in einem gutem Buch nachlesen wollen? Ich kenne in meiner Umgebung, unter gebildeten Menschen (!), auch solche, die Internet den Zeitungen vorziehen oder gar keine Zeitungen in die Hand nehmen. Wenn ich sage, dass ich mich von manchen Artikeln nicht l\u00f6sen will &#8211; und es stapeln sich schon viele auf meinen Regalen-, sagte mir mal eine Frau: &#8222;Blo\u00df weg damit!&#8220; als ob da bei mir altes Gem\u00fcse vergammelt.<\/p>\n<p>Ich vermisse einen Kasten mit Magazinen wie &#8222;Stern&#8220;, &#8222;Spiegel&#8220; oder &#8222;Geo&#8220; vor unserer Bibliothek neben dem Rathaus, wo jeder abgegebene Hefte nach Hause holen k\u00f6nnte und wieder zu Ansicht f\u00fcr anderen Menschen zur\u00fcckbringen k\u00f6nnte. Abos kosten nicht wenig und so w\u00e4re das ein Ersparnis f\u00fcr Viel-Leser, f\u00fcr die Neugierigen in unseren Stadt. &#8222;Neugier ist ein Zeichen der Intelligenz&#8220;, sagt unser Bekannter Buchbinder, vor dessen Privathaus vor dem Eingang, ein B\u00fccherschrank wie eine Schatztruhe steht. Daraus habe ich schon viele wertvolle B\u00fccher mir rausgeholt, die alten Ausgaben von den besten deutschen, amerikanischen oder russischen Autoren. Diese Idee, B\u00fccher f\u00fcr alle zur kostenlosen Abholung auf den Stra\u00dfen, in alten unbrauchbaren Telefonzellen oder in Arztpraxen, in den Kirchen, wo es halt geht, anzubieten, fand viele &#8222;Follower&#8220; in vielen L\u00e4ndern der Welt.<\/p>\n<p>B\u00fccher sind die besten Freunde und es war nicht allein der franz\u00f6sischer Schauspieler Depardieu, der mal sagte, dass B\u00fccher ihm das Leben gerettet haben, als er in jungen Jahren den Kampf gegen Alkohol und Drogen fast verlor. Gute B\u00fccher zur kostenlosen Abholung an den Schulen (zu Hause liest man oft anderes als das von den Lehrern Bestellte) &#8211; aber auch gute Zeitungs- und Magazinartikel von heute &#8211; k\u00f6nnten vielen jungen Menschen im Leben helfen. Das Leben in Coronazeiten ist z.Z. f\u00fcr alle schwieriger geworden, f\u00fcr zu viele unertr\u00e4glich schwer sogar. Es entsteht, sagte ein Psychologe, eine &#8222;Corona Generation&#8220;, die gro\u00dfe Nachteile im Leben bekommt, er meinte im Bildungsbereich, aber auch in anderen Bereichen des Lebens. Das Jugendwort des Jahres 2020 lautet &#8222;lost&#8220;. Sehr viele f\u00fchlen sich verloren, das Weltgef\u00fchl hat sich ver\u00e4ndert. Die heutige Abiturienten stehen vor geschlossenen T\u00fcren. Fr\u00fcher waren alle T\u00fcren f\u00fcr sie offen und die Welt geh\u00f6rte endlich ihnen. Heute haben humanit\u00e4re Krisen zugenommen, Klimawandel kommt mehr ins Bewu\u00dftsein als fr\u00fcher und Fridays for future hat die Jugend zum Gl\u00fcck politisiert. &#8222;Die Klima Liste&#8220; tritt zur Bundestagswahl als politische Kraft auf.<\/p>\n<p>Zu viele \u00c4ngste werden z.Z. unn\u00f6tig von der Politik aber auch von den Medien produziert anstatt Zuversicht und Inspiration zu verbreiten. Die Hoffnung auf eine sozial-\u00f6kologische Transformation liefert paradoxerweise gerade die Coronakrise. Wegen des t\u00e4glichen Bombardments im Radio mit Coronazahlen entsteht den Eindruck, man wolle Menschen l\u00e4hmen, das Wunderwerk der Natur &#8211; das Hirn &#8211; abschalten oder beeinflussen, auf Englisch &#8222;to disturb human mental processes&#8220;. Das kann nicht bei allen gelingen, zu sehr lieben wir Menschen das selbst\u00e4ndige Denken. &#8222;Die Zeit&#8220; hat zum Beispiel am 7. Januar Werbung f\u00fcr das neue Magazin &#8222;Verbrechen&#8220; plaziert. Man kann sogar mit Rabatt ein Abo bekommen. Manche B\u00fcrger wollen sich f\u00fcr &#8222;die Faszination des B\u00f6sen&#8220; begeistern. Hoffentlich wird die Mehrheit das ablehnen und sich mit den Gedanken besch\u00e4ftigen, wie wir Kriminalit\u00e4t durch Erziehung, Bildungs- und Arbeitschancen verringern k\u00f6nnen. Rabatte jeder Art sollen uns nicht verf\u00fchren jeden Unsinn zu unterst\u00fctzen und konstruktives, auf L\u00f6sungen gerichtetes Denken ausbremsen&#8230;<\/p>\n<p><strong>Vera Bade, Ratzeburg<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich alte Zeitungen zum Altpapiercontainer bringe, tut es mir in der Seele weh. Als Journalistin ist es mir bewu\u00dft, dass es um quasi &#8222;Entsorgung&#8220; &#8211; wie vom Restm\u00fcll oder Biom\u00fcll &#8211; von Gedanken, Analysen und \u00fcberhaupt um Nachdenken vieler Menschen \u00fcber die Sorgen und Probleme unserer Zeit geht. 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