{"id":28053,"date":"2021-01-18T11:05:57","date_gmt":"2021-01-18T09:05:57","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=28053"},"modified":"2021-01-22T13:03:43","modified_gmt":"2021-01-22T11:03:43","slug":"blick-in-die-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2021\/01\/18\/blick-in-die-geschichte\/","title":{"rendered":"Blick in die Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Hartwig Fischer<\/strong><\/p>\n<p>Vor genau 150 Jahren wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Versailler Schlosses das Deutsche Reich gegr\u00fcndet. Mit dieser Reichsgr\u00fcndung ging f\u00fcr viele Deutsche ein langersehnter Traum in Erf\u00fcllung. Dieses Reich sollte insgesamt 74 Jahre Bestand haben und zerbrach mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945. Genau 48 Jahre bestand es als Kaiserreich, vierzehn Jahre als Weimarer Republik und zw\u00f6lf Jahre als nationalsozialistisches \u201eDrittes Reich\u201c unter Adolf Hitler.<\/p>\n<p>Die nationale Begeisterung in Deutschland \u00fcber die Reichsgr\u00fcndung des Jahres 1871 wird in den bewegenden Worten des liberalen Historikers Heinrich von Sybel deutlich: \u201eDie Tr\u00e4nen flie\u00dfen mir \u00fcber die Backen. Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so gro\u00dfe und m\u00e4chtige Dinge erleben zu d\u00fcrfen? \u2026 Was 20 Jahre der Inhalt alles W\u00fcnschens und Strebens gewesen, das ist in so unendlicher herrlicher Weise erf\u00fcllt!\u201c<\/p>\n<p>Im lauenburgischen Friedrichsruh h\u00e4ngt im dortigen Bismarckmuseum ein ber\u00fchmtes Gem\u00e4lde des Malers Anton von Werner, der den historischen Augenblick der Proklamation des preu\u00dfischen K\u00f6nigs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser nach Berichten von Augenzeugen detailgetreu festgehalten hat. Diese Reichsgr\u00fcndung \u201evon oben\u201c war das Werk des preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten Otto von Bismarck und daher hat der Maler ihn in den Mittelpunkt des gro\u00dfformatigen Gem\u00e4ldes gesetzt. Hierbei \u201esch\u00f6nte\u201c der Maler sein Bild, denn Bismarck trug keine wei\u00dfe K\u00fcrassier-Uniform, sondern eine schlichte blaue Interims-Uniform. Der neben Bismarck abgebildete preu\u00dfische Kriegsminister Albrecht von Roon war bei der Kaiserproklamation gar nicht anwesend, denn er lag wegen einer schweren Erk\u00e4ltung zu Bett.<\/p>\n<p>Der 18. Januar 1871 war von Bismarck und dem preu\u00dfischen K\u00f6nig als Tag der Reichsgr\u00fcndung mit Bedacht gew\u00e4hlt worden, denn der 18. Januar gilt als Geburtstag der preu\u00dfischen Monarchie. Am 18. Januar 1701 setzte Kurf\u00fcrst Friedrich III. von Brandenburg in K\u00f6nigsberg sich und seiner Gemahlin Sophie Charlotte die K\u00f6nigskrone zum K\u00f6nig Friedrich I. in Preu\u00dfen auf. Mit diesem Ereignis begann der erstaunliche Aufstieg Preu\u00dfens von einem unbedeutenden deutschen Kleinstaat zu einer europ\u00e4ischen Gro\u00dfmacht. Im Krieg 1866 besiegte Preu\u00dfen die zweite deutsche Gro\u00dfmacht \u00d6sterreich und wurde dadurch zum m\u00e4chtigsten Staat auf deutschem Boden. Als am 2. September 1870 in der Entscheidungsschlacht bei Sedan das gegnerische Frankreich unter Kaiser Napoleon III. eine entscheidende Niederlage erlitt, leitete Otto von Bismarck die komplizierten Verhandlungen mit den deutschen F\u00fcrsten zur Gr\u00fcndung des Deutschen Reiches in die Wege.<\/p>\n<p>Diese Reichsgr\u00fcndung war das Werk Bismarcks und der 18. Januar 1871 kann als der wichtigste Tag in seiner politischen Laufbahn angesehen werden. Mit Recht h\u00e4tte er erwarten k\u00f6nnen, dass nach der Kaiserproklamation der neue Kaiser ihm zum Dank f\u00fcr seine Leistung als erstem die Hand dr\u00fccken w\u00fcrde. Das Gem\u00e4lde der Kaiserproklamation vermittelt auch diesen Eindruck eines historischen Augenblicks, aber die Stimmungslage der Akteure war in der Realit\u00e4t eine v\u00f6llig andere. Kaiser Wilhelm war \u00fcber die Kaiserkr\u00f6nung todungl\u00fccklich und betrachtete diesen Tag f\u00fcr sich als einen Abschiebeversuch auf einen Ehrenposten. Als er von seinem erh\u00f6hten Platz im Spiegelsaal herabstieg und die Gl\u00fcckw\u00fcnsche der F\u00fcrsten und Gener\u00e4le entgegennahm, strafte er Bismarck ohne einen H\u00e4ndedruck mit verletzender Nichtbeachtung.<\/p>\n<p>Wilhelm war \u00fcber Bismarck zutiefst ver\u00e4rgert, denn am Tag der Kaiserproklamation war er in \u201emoroser Emotion\u201c. Er h\u00e4tte \u2013 so schreibt er an seine Frau Augusta &#8211; am liebsten abgedankt und seinem Sohn Friedrich die Amtsgesch\u00e4fte \u00fcbertragen. Er nannte diesen Tag den \u201eungl\u00fccklichsten Tag meines Lebens, da tragen wir das preu\u00dfische K\u00f6nigtum zu Grabe, und daran sind Sie, Graf Bismarck, schuld!\u201c. Er beurteilte den Kaisertitel als einen \u201eCharaktermajor\u201c. Mit dem abwertenden Begriff \u201eCharaktermajor\u201c wurde ein Hauptmann bezeichnet, der am Tag seiner Pensionierung zum Major bef\u00f6rdert wurde, ohne dieses Amt je ausgef\u00fchrt zu haben.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr Wilhelms nachhaltige Ver\u00e4rgerung lag in seiner Einstellung zum Preu\u00dfentum. Als K\u00f6nig von Preu\u00dfen war ihm seine machtvolle Stellung vertraut. Als deutscher Kaiser bef\u00fcrchtete er, eine viel schw\u00e4chere Position innezuhaben. Er war der festen \u00dcberzeugung, dass der Kaisertitel den preu\u00dfischen K\u00f6nigstitel negativ beeinflussen w\u00fcrde. F\u00fcr Wilhelm gab es nichts H\u00f6heres als den Rang eines K\u00f6nigs von Preu\u00dfen. Dieser \u201eAbschied von Preu\u00dfen\u201c fiel ihm wegen des neuen Kaisertitels unendlich schwer. Allenfalls wollte er \u201eKaiser von Deutschland\u201c werden, nicht aber &#8211; wie Bismarck es w\u00fcnschte &#8211; \u201eKaiser der Deutschen\u201c oder \u201eDeutscher Kaiser\u201c. Nach der Kaiserproklamation durch Bismarck fiel es dem Gro\u00dfherzog von Baden zu, ein Hoch auf den neuen Kaiser auszurufen. Da dieser sich den Zorn von Wilhelm und auch von Bismarck nicht zuziehen wollte, rief er pragmatisch das Hoch weder auf den \u201eDeutschen Kaiser\u201c noch auf den \u201eKaiser von Deutschland\u201c aus, sondern auf \u201eKaiser Wilhelm\u201c.<\/p>\n<p>Bismarck kritisierte diese negative Einstellung Wilhelms in einem Brief an seine Frau mit drastischen Worten: \u201eDiese Kaisergeburt war eine schwere. \u2026 Ich hatte als Accoucheur (Hebamme) mehrmals das dringende Bed\u00fcrfnis, eine Bombe zu sein und zu platzen, dass der ganze Bau in Tr\u00fcmmer gegangen w\u00e4re\u201c.<\/p>\n<p>Auch wenn Kaiser Wilhelm I. bis zum Ende seines Lebens \u00fcber sein neues Amt nicht besonders gl\u00fccklich war, so verrauchte sein Zorn \u00fcber Bismarck nach einiger Zeit. Dem Kaiser wird auch das Bonmot zugeschrieben: \u201eEs ist nicht leicht, unter solchem Kanzler Kaiser zu sein\u201c. Als Dank f\u00fcr Bismarcks Verdienste zur Reichsgr\u00fcndung erhob er ihn in den F\u00fcrstenstand und \u00fcbertrug ihm den Sachsenwald im Herzogtum Lauenburg. Bismarck ist dort 1898 in Friedrichsruh gestorben und wurde in einem Mausoleum beigesetzt.<\/p>\n<p>Die Reichsgr\u00fcndung wurde von der Mehrheit der Deutschen mit einer unbeschreiblichen Begeisterung begr\u00fc\u00dft. Die meisten deutschen F\u00fcrsten standen der Reichsgr\u00fcndung dahingegen eher ablehnend gegen\u00fcber, weil sie eine Einschr\u00e4nkung ihrer Souver\u00e4nit\u00e4t bef\u00fcrchteten. Bismarck musste sein ganzes diplomatisches Geschick aufbringen, um in intensiven Verhandlungen die Bedenken der widerstrebenden F\u00fcrsten zu \u00fcberwinden. Es war K\u00f6nig Ludwig II. von Bayern, der durch seine demonstrative Abwesenheit in Versailles gl\u00e4nzte und der aus seiner tiefen Abneigung gegen\u00fcber Preu\u00dfen keinen Hehl machte. K\u00f6nig Wilhelm bestand allerdings darauf, dass Ludwig II. als der zweitm\u00e4chtigste deutsche F\u00fcrst ihn bitten sollte, die Kaiserw\u00fcrde zu \u00fcbernehmen \u2013 auch wenn dieser Herrscher ein pathologischer Fall war.<\/p>\n<p>\u00dcber viele Jahrzehnte haben die Historiker dar\u00fcber ger\u00e4tselt, wie es Bismarck gelingen konnte, den bayerischen K\u00f6nig zur Abfassung dieses wichtigen \u201eKaiserbriefs\u201c zu bewegen. In seinem Memoirenwerk \u201eGedanken und Erinnerungen\u201c schreibt Bismarck lediglich, dass sich K\u00f6nig Ludwigs Vertrauter Graf Holnstein in dieser Angelegenheit \u201egro\u00dfe Verdienste\u201c erworben habe. Nach \u00d6ffnung der Archive stellte sich heraus, dass Bismarck die erhebliche Finanznot des bayerischen K\u00f6nigs wegen dessen Verschwendungssucht bei seinen Schlossbauten geschickt ausgenutzt und ihn bestochen hatte. K\u00f6nig Ludwig erhielt als Gegenleistung f\u00fcr seinen Kaiserbrief j\u00e4hrlich 300.000 Mark aus einer geheimen Kasse, dem \u201eReptilienfonds\u201c.<\/p>\n<p>Auch heute noch stellt sich der Ablauf der heiklen Mission des Grafen Holnstein wie eine spannende Szene aus einem Kriminalroman dar. K\u00f6nig Ludwig lag auf Schloss Hohenschwangau mit heftigen Zahnschmerzen im Bett und wollte keinen Besucher empfangen. Erst als ihm mitgeteilt wurde, dass Graf Holnstein im Auftrag Bismarcks ihn zu sprechen bat, empfing er ihn. Dieser er\u00f6ffnete K\u00f6nig Ludwig die geplante j\u00e4hrliche finanzielle Zuwendung und legte ihm gleichzeitig den handschriftlichen Entwurf Bismarcks zum erw\u00fcnschten Kaiserbrief vor. Die Finanznot des bayerischen K\u00f6nigs war derartig gro\u00df, dass er trotz seiner tiefen Abneigung gegen\u00fcber Preu\u00dfen diesen Entwurf Bismarcks wortw\u00f6rtlich ohne die geringste \u00c4nderung abschrieb. \u00dcber diese sensiblen Vorg\u00e4nge bewahrte Bismarck aus naheliegenden Gr\u00fcnden Stillschweigen.<\/p>\n<p>Die Kaiserproklamation im Schloss Versailles vollzog sich im Stil einer milit\u00e4risch gepr\u00e4gten Kundgebung. Neben den deutschen F\u00fcrsten und den Gener\u00e4len waren keine Vertreter des Parlaments anwesend. Der Spiegelsaal war zuvor als Lazarett f\u00fcr verwundete Soldaten genutzt und kurz vor der Kaiserproklamation ger\u00e4umt worden. Mit der Wahl des Spiegelsaals vom Versailler Schloss K\u00f6nig Ludwigs XIV. zum Ort der Kaiserproklamation wurde das franz\u00f6sische Nationalgef\u00fchl zutiefst verletzt. Dieses Ereignis hat erheblich zur \u201eErbfeindschaft\u201c zwischen Frankreich und Deutschland beigetragen. Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg bestand Frankreich daher darauf, dass die Friedenskonferenz der Siegerm\u00e4chte symboltr\u00e4chtig am 18. Januar 1919 im Spiegelsaal von Versailles er\u00f6ffnet wurde. Die deutsche Delegation musste den Versailler Vertrag ebenfalls im Spiegelsaal am 28. Juni 1919 unterzeichnen, dem Jahrestag des Attentats auf den \u00f6sterreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo.<\/p>\n<p>Die Frage ist berechtigt, warum die Kaiserproklamation ausgerechnet im Spielsaal von Schloss Versailles vorgenommen wurde. Ein Blick in die Geschichte erkl\u00e4rt diese Ortswahl. Der preu\u00dfische K\u00f6nig Wilhelm hatte die ehrverletzende Behandlung Preu\u00dfens durch Napoleon nicht vergessen. Napoleon hatte Preu\u00dfen im Jahr 1807 im Frieden von Tilsit einen \u00fcberaus harten Friedensschluss diktiert, die symboltr\u00e4chtige Quadriga des Brandenburger Tor als Siegestroph\u00e4e nach Paris transportieren lassen, zahlreiche Kunstsch\u00e4tze geraubt und sehr private Briefe seiner Mutter K\u00f6nigin Luise ver\u00f6ffentlicht. Als K\u00f6nig Wilhelm zum Feldzug gegen Frankreich aufbrach, besuchte er zuvor den Sarkophag seiner Mutter im Mausoleum des Parks von Schloss Charlottenburg. Dort legte er symbolisch einen Blumenstrau\u00df mit Kornblumen nieder, eine Erinnerung an seine Mutter, als diese w\u00e4hrend eines Radwechsels bei einer Reisekutsche einen kleinen Blumenstrau\u00df aus Kornblumen geflochten hatte. Wilhelm betrachtete die Wahl des Spiegelsaals im Schloss Versailles als Ort der Reichsgr\u00fcndung daher als eine gerechte Genugtuung gegen\u00fcber dem r\u00fccksichtslosen Verhalten Napoleons.<\/p>\n<p>Der Reichstag in dem von Bismarck geschaffenen Deutschen Reich wurde zwar in freien, gleichen und geheimen Wahlen gew\u00e4hlt, aber die eigentlichen St\u00fctzen des Staates waren Armee und Verwaltung. Auf diese hatte die Volksvertretung keinen Einfluss. Unter Bismarcks F\u00fchrung erkl\u00e4rte das Deutsche Reich sich nach der Gr\u00fcndung des Nationalstaates als saturiert und betrieb als Makler zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten eine in der ganzen Welt viel bewunderte Friedenspolitik. Innenpolitisch beging Bismarck mit seinem Kulturkampf gegen den Katholizismus und seinem Kampf gegen die Sozialdemokratie gravierende Fehler, die sich verh\u00e4ngnisvoll f\u00fcr die Zukunft Deutschlands auswirken sollten. Die Einf\u00fchrung der Zivilehe, der staatlichen Schulaufsicht sowie einer Kranken-, Unfall-, Invalidit\u00e4ts- und Altersversicherung sind hingegen Meilensteine auf dem Weg zu einem modernen Sozialstaat.<\/p>\n<p>Es war Deutschlands Ungl\u00fcck, dass ab dem Dreikaiserjahr 1888 der neue Kaiser Wilhelm II. in seinem Amt v\u00f6llig \u00fcberfordert war und gegen Bismarcks Willen Weltpolitik betreiben wollte. Zugleich gab es durch die Reichsverfassung keine M\u00f6glichkeit, die Machtf\u00fclle des Kaisers einzuschr\u00e4nken. Durch Bismarcks in vielen Bereichen fehlerhafte Innenpolitik war der Sinn f\u00fcr Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit in Deutschland erheblich geschw\u00e4cht worden. Bismarcks ausgepr\u00e4gte Interessen- und Realpolitik hat einerseits in faszinierender Weise zu Deutschlands Gr\u00f6\u00dfe und internationaler Anerkennung gef\u00fchrt. Andererseits hat diese Politik die Eigenst\u00e4ndigkeit im Denken der B\u00fcrger entscheidend geschw\u00e4cht und eine Entwicklung zu einer Demokratie nachhaltig verhindert. Bismarck hat die wichtige Funktion von Parteien im Machtgef\u00fcge nie angemessen erkannt, sondern diese lediglich als Spielball f\u00fcr seine monarchischen Interessen gegeneinander ausgespielt. Der von Bismarck geschaffene Staat st\u00fctzte sich im Wesentlichen auf den Adel, das Milit\u00e4r und das Gro\u00dfb\u00fcrgertum. Das Kleinb\u00fcrgertum, Angestellte und Arbeiter wurden an politischen oder verwaltungsrechtlichen Entscheidungen nicht beteiligt. Wichtige Entscheidungen wurden \u201evon oben\u201c gef\u00e4llt, so dass zahlreiche B\u00fcrger nie zu verantwortlicher Mitarbeit am Staat herangezogen wurden.<\/p>\n<p>Das Deutsche Reich besa\u00df zwar das demokratischste Wahlrecht seiner Zeit, aber gleichzeitig konnte die Regierung weitgehend unabh\u00e4ngig vom Volkswillen handeln. Auch wenn viele W\u00fcnsche der Liberalen nicht erf\u00fcllt wurden, so stimmte der Abgeordnete Eduard Lasker im Norddeutschen Reichstag der Reichsgr\u00fcndung mit den drastischen Worten zu: \u201eH\u00e4sslich ist das M\u00e4del, aber geheiratet werden muss es\u201c. F\u00fcr Deutschlands Schicksal war es viel zu sp\u00e4t, dass das Reich erst am 28. Oktober 1918 durch eine Verfassungs\u00e4nderung zu einer parlamentarischen Demokratie umstrukturiert wurde. Die neue Reichsflagge des Jahres 1871 dokumentiert, wie wenig die Ideen der Nationalversammlung der Jahre 1848\/49 in der Frankfurter Paulskirche verwirklicht wurden. Als Flagge wurde nicht die schwarz-rot-goldene Farbe der damaligen nationalen Volksbewegung gew\u00e4hlt, sondern man entschied sich f\u00fcr die Farben Schwarz-Wei\u00df-Rot, den Farben von Preu\u00dfen (Schwarz-Wei\u00df) als dem gr\u00f6\u00dften Einzelstaat und den Farben der Hansest\u00e4dte (Wei\u00df-Rot) als den kleinsten Mitgliedern.<\/p>\n<p>Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass das Scheitern der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche einen entscheidenden Wendepunkt in der deutschen Geschichte darstellt. Die Verabschiedung der \u201eGrundrechte des deutschen Volkes\u201c und die Idee der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t standen in einem diametralen Gegensatz zu der Vorstellung vom Gottesgnadentum der K\u00f6nigsh\u00e4user. Die Nationalversammlung bot 1849 dem preu\u00dfischen K\u00f6nigs Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone an, doch dieser lehnte sie ab. Eine mit demokratischem \u00d6l gesalbte Kaiserkrone bezeichnete er als ein \u201eHundehalsband\u201c und als eine \u201eSchweinekrone\u201c, die mit \u201eDreck und Letten\u201c sowie dem \u201eLudergeruch der Revolution\u201c behaftet sei. Sollte die tausendj\u00e4hrige Krone deutscher Nation wieder einmal vergeben werden, so sei er es und seinesgleichen, die sie vergeben w\u00fcrden. H\u00e4tten die Ideen einer Volkssouver\u00e4nit\u00e4t durch die Paulskirchen-Nationalversammlung in den Jahren 1848\/49 realisiert werden k\u00f6nnen, dann h\u00e4tte die deutsche Geschichte sicherlich einen v\u00f6llig anderen Weg eingeschlagen und einen Ersten und einen Zweiten Weltkrieg h\u00e4tte es vermutlich nicht gegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Hartwig Fischer Vor genau 150 Jahren wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Versailler Schlosses das Deutsche Reich gegr\u00fcndet. 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