{"id":27019,"date":"2020-11-15T09:17:59","date_gmt":"2020-11-15T07:17:59","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=27019"},"modified":"2020-11-15T09:17:59","modified_gmt":"2020-11-15T07:17:59","slug":"zweifelnd-ans-ziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2020\/11\/15\/zweifelnd-ans-ziel\/","title":{"rendered":"Zweifelnd ans Ziel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ratzeburg (kp).<\/strong> Zweifel an sich selbst. Claudia Bormann hat sie lange in sich getragen. Kann ich das? Ist das, was ich mache, \u00fcberhaupt gut genug? Sind andere nicht viel besser, viel talentierter als ich? Sie hat dar\u00fcber gebr\u00fctet. Immerzu \u2013 \u00fcber den \u201eMythos der Begabung\u201c, wie sie es nennt.<\/p>\n<p>Vom Weg abgebracht hat es sie nicht. Es ist ein Weg mit vielen Schritten. Mit Umwegen, auch Sackgassen. Es ist das Leben. Ihr Weg.<\/p>\n<p>Den ersten Schritt macht sie in der Pubert\u00e4t. Als 13-J\u00e4hrige entdeckt sie die bildende Kunst f\u00fcr sich. Fortan rennt sie in jede Ausstellung, derer sie habhaft werden kann. Sie beginnt gegen die gesellschaftlichen Erwartungen und Moralvorstellungen zu rebellieren. Sie wendet sich gegen die Familie \u2013 gegen das Bildungsb\u00fcrgerliche ihres Elternhauses. \u201eMir war das alles zu spie\u00dfig\u201c, sagt sie r\u00fcckblickend. Heute findet sie ihr Verhalten \u201eegozentrisch\u201c.<\/p>\n<p>Doch es sind die 70er und sie ist mit ihrem Aufbegehren ganz ein \u201eKind\u201c der Zeit. Claudia Bormann schlie\u00dft sich der Hausbesetzerszene an. Wenn auch nicht an \u201evorderster Front\u201c. In den deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten hat sich die Jugend hier ihre eigene Popkultur geschaffen, deren Soundtrack aus bundesdeutschen Fenstern dr\u00f6hnt. \u201eTon Steine Scherben\u201c singen den \u201eRauch-Haus-Song\u201c oder \u201eKeine Macht f\u00fcr Niemand\u201c.<\/p>\n<p>Claudia Bormann h\u00f6rt Pink Floyd. Aber ideell ist sie ganz bei Rio Reiser &amp; Co. Auf keinen Fall m\u00f6chte sie fremdbestimmt sein. F\u00fcr sie hei\u00dft das: Sie will freie K\u00fcnstlerin werden. Daf\u00fcr ist sie nach Stuttgart gekommen, wo sie an der Staatlichen Akademie der Bildenden K\u00fcnste studiert. Dort ist sie unter Gleichgesinnten, was sich nicht nur als Erf\u00fcllung eines Traums entpuppt. Es ist auch ein Erwachen in der Realit\u00e4t. \u201eDie Selbstzweifel k\u00fcnstlerischer Art, die mich st\u00e4ndig begleitet haben, die muss man an der Kunstakademie ganz hart erleben\u201c, erinnert sie sich. Da treffe man auf Leute, wo man denke: \u201eWow, der schwimmt einem jetzt davon und macht die ganz gro\u00dfe Karriere.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einige Kommilitonen offensichtlich wissen, wohin die \u00e4sthetische Reise f\u00fcr sie gehen soll, sucht die junge Claudia Bormann noch nach ihrer eigenen Handschrift, ihrem eigenen Stil. Diese Suche endete auch nicht mit dem abgeschlossenen Kunststudium. Auf eine gewisse Art bleibt sie eine Unvollendete. Die wasserkinetischen Objekte, die sie f\u00fcr Kunst am Bau erfindet, machen sie nicht froh. Sie probiert es mit allen erdenklichen Genres und Techniken \u2013 mit Installationen, mit Collagen. Nichts davon z\u00fcndet so richtig.<\/p>\n<p>Mitte der 90er nimmt sie schlie\u00dflich Farben und Pinsel in die Hand \u2013 ohne gro\u00dfe \u00dcberzeugung. \u201eMalen, hatte ich immer gedacht, kannst du nicht.\u201c<\/p>\n<p>Sie malt. Landschaftsbilder. Gro\u00dfe Bilder, die so \u201erealistisch wie n\u00f6tig und so abstrakt wie m\u00f6glich\u201c sind. Es ist die Entdeckung eines, ihres Stils. Die Naturbetrachtungen, denen etwas Romantisches anhaftet, schlagen ein. Hier ist sie pl\u00f6tzlich sie selbst und es ist ausgerechnet die Welt ihrer Kindheit, der sie einst entkommen wollte und die sich in dieser Kunst nun Bahn bricht. Die W\u00e4lder, die sie malt, sind die W\u00e4lder, die sie sah, wenn sie mit ihrem Vater in Wertheim an der Tauber durch die Natur streifte.<\/p>\n<p>Der \u00e4sthetische R\u00fcckgriff ist zweifellos ein Erfolg, doch Ruhe gibt er ihr nicht. Als frei K\u00fcnstlerin hat sie kein geregeltes Einkommen. Das sorgt sie. So sehr, dass ihre Arbeit darunter leidet. Claudia Bormann muss einsehen, dass die Jobbeschreibung der freien K\u00fcnstlerin nicht ihrem pers\u00f6nlichen Profil entspricht.<\/p>\n<p>Die Einsicht ist schon da, als es sie in den hohen Norden \u2013 nach Ratzeburg \u2013 zieht. Eine Kollegin ihres Mannes \u2013 sie hat einen Kunsterzieher geheiratet \u2013 schl\u00e4gt ihr vor, es an der Schule zu probieren.<\/p>\n<p>Claudia Bormann wird Lehrerin. Sie erh\u00e4lt eine Anstellung am Marion-D\u00f6nhoff-Gymnasium. Jetzt profitiert sie davon, dass ihre Ausbildung an der Kunstakademie so praxisorientiert war. Auch dass sie parallel dazu Kunst- und Literaturgeschichte an der Stuttgarter Uni studiert hat, erweist sich als n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Vertreter der reinen Lehre mag es paradox klingen, aber ohne Geldsorgen gelingen ihr (noch) bessere Kunstwerke. So sieht sie es, so sehen es tausende, die in ihre Ausstellungen str\u00f6men. So sehen es die Kunstliebhaber, die ihre Bilder kaufen.<\/p>\n<p>Die Claudia Bormann des Jahres 2020 malt mit Leichtigkeit und Selbstbewusstsein. Manchmal gewinnt ihre Arbeit sogar etwas T\u00e4nzelndes. Die Leinwand am Boden. Farbe, die zu Strichen wird, um sich sp\u00e4ter aus der Ferne auf wundersame Weise in Fl\u00fcsse, Pflanzen oder W\u00e4lder zu verwandeln. Dazwischen pendelnd die K\u00fcnstlerin. Immer unterwegs. Der Pinsel wandert \u00fcber das Papier. Das Gesicht der K\u00fcnstlerin dar\u00fcber. Mitunter skeptisch, aber immer in gespannter Erwartung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ratzeburg (kp). Zweifel an sich selbst. Claudia Bormann hat sie lange in sich getragen. Kann ich das? Ist das, was ich mache, \u00fcberhaupt gut genug? Sind andere nicht viel besser, viel talentierter als ich? Sie hat dar\u00fcber gebr\u00fctet. Immerzu \u2013 \u00fcber den \u201eMythos der Begabung\u201c, wie sie es nennt. Vom Weg abgebracht hat es sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":33,"featured_media":27015,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jnews-multi-image_gallery":[],"jnews_single_post":[],"jnews_primary_category":[],"jnews_social_meta":[],"jnews_override_counter":[],"jnews_post_split":[],"footnotes":""},"categories":[70,2],"tags":[1007],"class_list":["post-27019","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-startseite","tag-kulturpreis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/33"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=27019"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27019\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27020,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/27019\/revisions\/27020"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/27015"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=27019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=27019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=27019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}