{"id":25733,"date":"2020-09-16T11:29:44","date_gmt":"2020-09-16T09:29:44","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=25733"},"modified":"2020-09-17T10:22:45","modified_gmt":"2020-09-17T08:22:45","slug":"da-ist-immer-auch-kampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2020\/09\/16\/da-ist-immer-auch-kampf\/","title":{"rendered":"&#8218;Da ist immer auch Kampf&#8216;"},"content":{"rendered":"<p>Den Ruhestand wird Hans-Werner K\u00f6necke in diesem Leben wohl nicht mehr erreichen. Zu gro\u00df ist augenscheinlich die Leidenschaft des 80 Jahre alten Bildhauers f\u00fcr die Kunst. Immer noch arbeitet er Woche um Woche in seinem Reinbeker Atelier. Das Leben \u2013 f\u00fcr K\u00f6necke ist es und bleibt es vor allem die Suche nach einer perfekten Form. Immerhin: F\u00fcr <a href=\"http:\/\/Kulturportal-Herzogtum.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kulturportal-Herzogtum.de<\/a> erlaubt er sich eine kurze Auszeit. Im Interview spricht er \u00fcber seine Kindheit und den langen Weg zu einem erfolgreichen und international anerkannten Bildhauer.<\/p>\n<p><em>Kulturportal-Herzogtum.de: Ab wann waren Ihnen klar, dass die Kunst Ihre Sache ist?<\/em><\/p>\n<p><strong>Hans-Werner K\u00f6necke:<\/strong> Ich habe als Junge schon immer gerne etwas gebastelt und bin dann nach der Schulzeit in die Lehre gegangen. Gelernt habe ich bei den Bergedorfer Eisenwerken \u201eAlvalawal\u201c. Das ist eine deutsch-schwedische Firma, die seinerzeit die gr\u00f6\u00dften Webst\u00fchle der Welt und Molkereimaschinen hergestellt hat. In dieser Firma habe ich Modelltischler gelernt. Die Lehre setzte sich aus zwei Fachbereichen zusammen \u2013 Modellbau, also Arbeit mit Metall, und Modelltischler, Arbeit mit Holz. W\u00e4hrend der Lehrzeit habe ich immer mal etwas gestaltet \u2013 zum Beispiel eine kleine Figur aus Holz oder aus Ton. Ich habe also schon ganz fr\u00fch angefangen, k\u00fcnstlerisch zu arbeiten. Ich habe auch viel gemalt und gezeichnet in der Zeit bei meinen Gro\u00dfeltern.<\/p>\n<p><em>KP: Sie waren als Kind bei Ihren Gro\u00dfeltern?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Meine Eltern sind beide im Krieg umgekommen. Meine Schwestern und ich waren pl\u00f6tzlich Waisenkinder. Wir sind damals zun\u00e4chst zu meinen Gro\u00dfeltern nach M\u00f6lln gekommen. In der Phase habe ich angefangen zu zeichnen und zu malen. An der Wassertorbr\u00fccke stand eines Tages ein etwas \u00e4lterer Mann hinter mir und guckte mir zu, w\u00e4hrend ich malte. Ich wollte im Bild die Weide mit der Spiegelung im Wasser und die Stadt dahinter festhalten. Der Mann fragte mich freundlich, ob er mir behilflich sein d\u00fcrfe? Er nahm mir den Pinsel aus der Hand zeigte mir mit wenigen Pinselstrichen, worauf es ankommt.<\/p>\n<p><em>KP: Wer war der Mann?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Das war der Maler Max Ahrens. Wir standen uns beide sofort menschlich sehr nahe. Er hat mich damals erstmal vollkommen kostenfrei unterrichtet. Von ihm habe ich vor allem gelernt, die Dinge richtig anzugucken und Momentaufnahmen festzuhalten. Das war eine gute Schule.<\/p>\n<p><em>KP: Wissen Sie noch, wann das war?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Das muss Mitte der 50er Jahr gewesen sein. Das war noch vor der Lehre \u2013 w\u00e4hrend der Schulzeit. Ich war da 13, 14 Jahre alt.<\/p>\n<p><em>KP: Sind Sie w\u00e4hrend der Lehrzeit in M\u00f6lln geblieben?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Nein, ich habe bei der Schwester meiner Mutter in Hamburg gewohnt \u2013 im Horner Weg. Von Horn aus habe ich dann t\u00e4glich den Weg zu Fu\u00df zum Hasselbrook-Bahnhof gemacht und bin mit der S-Bahn zwei Stationen zum Berliner Tor. Von dort fuhr damals noch ein Dampfzug nach Bergedorf. Die Lehre war f\u00fcr mich eine segensreiche Angelegenheit. Von unserem Lehrlingsingenieur Dr. Blum haben wir wahnsinnig viel gelernt.<\/p>\n<p><em>KP: Was geschah nach der Lehrzeit? Sind Sie dann an die Uni gegangen, um Kunst zu studieren?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Nein, eigentlich bin ich Autodidakt. Ich habe aber in Schweden einen Freund gehabt, der Bildhauer war. Bei dem bin ich eine ganze Zeit gewesen. Die Verbindung kam \u00fcber die Bergedorfer Eisenwerke zustande, die mich gef\u00f6rdert haben. Dieser Bildhauer hat mich dann aber irgendwann weggeschickt. Hau ab \u2013 hat er gesagt \u2013 du kannst bei mir nichts mehr lernen!<\/p>\n<p><em>KP: Wenn jemand offen sagt, dass er K\u00fcnstler werden m\u00f6chte, reagieren Nahestehende nicht selten mit Skepsis oder sogar mit Ablehnung. Wie war das bei Ihnen?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Bei mir war das eigentlich auch so. Ich habe allerdings nie diesen Satz benutzt: Ich will K\u00fcnstler werden. Ich habe eigentlich immer nur aus meinem Inneren heraus das Bed\u00fcrfnis gehabt, mir etwas genau anzugucken und eventuell daraus etwas zu entwickeln oder wiederzugeben. Das ist so ein Faden, der l\u00e4uft mein ganzes Leben durch.<\/p>\n<p><em>KP: Das Ganze hat sich also sozusagen organisch entwickelt.<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><em>KP: Haben Sie pl\u00f6tzlich Auftr\u00e4ge bekommen?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Nein. Ich habe zwischendurch gearbeitet. Ich hatte ja zwei Kinder. Da kommt man in einen Zwang hinein. Der Lebensunterhalt muss ja irgendwo herkommen. Und dann habe ich erstmal das getan, was ich am besten konnte. Ich habe kleine Bilder gemalt, die jemand, den ich gut kannte, f\u00fcr mich verkauft hat. Au\u00dferdem habe ich Reliefs gemacht, 1,4 mal 0,6 Meter \u2013 Stadtansichten von Hamburg, die wir dann gegossen haben. Und zwar, weil das nicht so teuer ist, in Aluminium. In der Phase lernte ich auch den Journalisten Herbert Godyla kennen, der in der Bergedorfer Zeitung von einem kleinen Atelier im Untergeschoss eines Wohnhauses schrieb, das ich gemietet hatte. Danach riefen mich dann Leute an. Ich hatte ja inzwischen Telefon.<\/p>\n<p><em>KP: Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie eigentlich Maler werden wollten, aber mehr Talent als Bildhauer besa\u00dfen\u2026<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Das ist eine Legende. Ich habe von mir aus, weil ich ja aus der Gie\u00dferei kam, die plastischen Dinge gesehen, die da abgeformt und letztlich in Eisen oder auch in besseren Legierungen gegossen wurden. Das habe ich hautnah miterlebt. Wir haben ja auch f\u00fcr das, was wir da produziert haben, die Modelle gemacht, so dass die Dreidimensionalit\u00e4t immer schon dabei war. Das f\u00fchrte dazu, dass ich ein Modell, das ich bauen sollte, von mir aus ver\u00e4ndert habe. Der Konstrukteur hatte mir eine Zeichnung gegeben, die ich nicht so formsch\u00f6n fand. Der Meister, der sehr aufgeschlossen war, sagte: Mach das mal, wir lassen den Konstrukteur denn mal kommen \u2013 und der Konstrukteur sagte dann, ja, das ist viel besser als meins.<\/p>\n<p><em>KP: Das war w\u00e4hrend Ihrer Lehrzeit 1957\/1958 \u2013 von da an haben Sie dann quasi die ganze Zeit selbst\u00e4ndig gearbeitet?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Naja \u2013 das ging mehr in die 60er Jahre rein. Ich habe teilweise noch f\u00fcr einen Verlag gearbeitet, f\u00fcr den ich Buch-Einb\u00e4nde entworfen habe, aber so ein bisschen war ich mit dem einen Bein immer im K\u00fcnstlerischen. Im Laufe der Jahre habe ich dann gelernt, wie man am besten produziert und wie man am besten gestaltet, um eben auch K\u00e4ufer zu finden. Da war nat\u00fcrlich auch immer Druck. Da muss man sich manchmal in die Richtung biegen, dass man etwas macht, was man selber nicht so gestaltet h\u00e4tte. Aber inzwischen bin ich ganz eigenst\u00e4ndig. Ich arbeite fast nie im Auftrag, au\u00dfer bei gr\u00f6\u00dferen spektakul\u00e4ren Sachen wie einem Wettbewerb.<\/p>\n<p><em>KP: Das ist der Segen der guten Tat, wenn man es dann schafft, seine Arbeiten zu verkaufen.<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Andererseits ist da immer die Notwendigkeit, Geld zu verdienen.<\/p>\n<p><em>KP: Wenn es denn gut geht, ist alles gut. Aber das Scheitern steht ja immer mit im Raum \u2013 wie gro\u00df waren Ihre \u00c4ngste, es nicht zu schaffen?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Die waren nicht klein. Das kann man ruhig sagen. Deswegen habe ich zwischenzeitlich immer mal in einer Firma gearbeitet oder einen Job gehabt. Aber der rote Faden lief eigentlich seit der Lehrzeit immer durch und die letzten 40 Jahre habe ich nur noch von meinen Arbeiten als Bildhauer gelebt.<\/p>\n<p><em>KP: Womit wir beim Thema w\u00e4ren. Ihre Werke wirken klar und eindeutig. Sie modellieren Tiere, Menschen, Historisches, Mythen. Haben Sie auch mal abstrakt gearbeitet?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Ich hatte eine Phase, in der ich ganz spontan modellierte. Da habe ich einiges ausprobiert. Ich komme aber immer wieder auf die alten Griechen zur\u00fcck. Mich fasziniert, was sie gemacht haben. Welch hohe Wirkung das heute immer noch hat. Bei einer Rom-Exkursion waren wir mal mit einer kleinen Gruppe angehender K\u00fcnstler in der Villa Borghese. Dort habe ich den Dornauszieher gesehen \u2013 von einem unbekannten Griechen 200 Jahre vor Christus geschaffen. Die Figur habe ich gezeichnet und da habe ich gemerkt, wie viel Potential darin steckt. Man denkt ja erst: Da sitzt halt so ein Junge. Aber da ist jeder Muskel im R\u00fccken und die ganze Bewegung zu sehen. Und dann trotzdem diese Schlichtheit \u2013 das ist ja keine griechische Figur, die sich in Pose stellt, sondern der Junge sitzt, weil er was im Fu\u00df hat und versucht sich das rauszuholen. Daher auch \u201eDornauszieher\u201c. An dieser Figur habe ich mich hochgehangelt. Die habe ich dann sp\u00e4ter anhand meiner Skizzen und aus meinem Ged\u00e4chtnis heraus noch mal selbst modelliert.<\/p>\n<p><em>KP: Das Eindeutige wirkt so selbstverst\u00e4ndlich, so selbstgewiss, aber wie selbstgewiss ist man, wenn man sich an so eine Figur heranwagt?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Da ist immer auch Kampf. Man hat ja alle M\u00f6glichkeiten den Ausdruck so, so oder so zu machen. Auch wenn das eine oder das andere sehr realistisch ist und der Natur sehr nahekommt. Ich glaube, das Schwierigste ist, den richtigen Moment festzustellen, wie soll die Figur letztendlich aussehen? Die entscheidende Phase ist, wenn ich anfange.<\/p>\n<p><em>KP: Das hei\u00dft: Sie haben die Idee und legen los und dann merken Sie, dass das, was sie da gerade machen, so gar nicht Ihrer Vorstellung entspricht. Das muss einen doch manchmal wahnsinnig machen. Was machen Sie, wenn Sie nicht weiterkommen?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> In der Regel mache ich dann erstmal Pause \u2013 also erstmal gar nichts. Wenn ich Schwierigkeiten entdecke, versuche ich irgendwie um sie herumzugehen und irgendwo die L\u00fccke zu finden, wo ich dann ansetzen kann. Das geht nicht mal eben so. Und dann gibt es wieder Figuren, da ist alles klar.<\/p>\n<p><em>KP: Hat das damit zu tun, dass die Figuren so klar sind oder ist das eher Zufall?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Es ist eine Mischung aus beidem. Das ist eben die Gestaltung, die ja immer noch m\u00f6glich ist, wenn man eine Figur mit Ton aufmodelliert. Man kann dann ja mit der Hand reingreifen und das wieder wegwischen und noch mal von vorn beginnen. Das ist die Spontanit\u00e4t mit dem Material Ton. Fr\u00fcher habe ich auch mal aus einem Holzblock eine Figur rausgeschlagen \u2013 das mache ich jetzt nicht mehr. Heute modelliere ich und decke das dann \u00fcber Nacht ab \u2013 Ton f\u00e4ngt ja an zu trocknen. Am n\u00e4chsten Tag gucke ich mir das Modell dann nochmal an, um zu sehen, ob ich richtig gelegen habe. Dann mache ich mir eine Form. Daf\u00fcr gie\u00dfe ich \u00fcber den Ton eine Gipsschale \u2013 wie ein Ei \u2013 und pelle das wieder auseinander. Die Schale gie\u00dfe ich dann mit Gips aus. Das macht man nat\u00fcrlich so, dass man das auch wieder auseinanderkriegt. Ein Mensch, der da so sitzt mit den Armen, der muss ja in alle Richtungen auseinandernehmbar sein, damit man das nachher auch plastisch wieder zusammenf\u00fcgen kann.<\/p>\n<p><em>KP: Herr K\u00f6necke, zum Schluss m\u00f6chte ich noch mal auf die Ausgestaltung Ihrer Tierfiguren zu sprechen kommen. Wenn man die vielen menschlichen Facetten in Ihrem Werk heranzieht, f\u00e4llt auf: Die Tiere sind zu sch\u00f6n und zu klar, um wahr zu sein. Insbesondere wenn ich daran denke, wie unsere Gesellschaft mit Tieren umgeht. Was steckt dahinter?<\/em><\/p>\n<p><strong>K\u00f6necke:<\/strong> Ich m\u00f6chte, dass damit die Zuneigung des Menschen zu den Kreaturen ein bisschen bekr\u00e4ftigt wird.<\/p>\n<p><em>KP: Herr K\u00f6necke, ich danke Ihnen f\u00fcr diesen spannenden Einblick in Ihre Arbeit und Ihren k\u00fcnstlerischen Werdegang.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Ruhestand wird Hans-Werner K\u00f6necke in diesem Leben wohl nicht mehr erreichen. 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