{"id":20584,"date":"2020-02-04T06:45:40","date_gmt":"2020-02-04T05:45:40","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=20584"},"modified":"2020-02-05T12:13:58","modified_gmt":"2020-02-05T11:13:58","slug":"archive-sind-die-gedaechtnisse-unserer-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2020\/02\/04\/archive-sind-die-gedaechtnisse-unserer-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Archive sind die Ged\u00e4chtnisse unserer Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herzogtum Lauenburg (kp).<\/strong> Wer Christian Lopau einen Besuch an seinem M\u00f6llner Arbeitsplatz abstatten will, muss ein wenig aufpassen, dass er nicht vom Weg abkommt. Bis zu seinem Schreibtisch sind es ein paar Treppenstufen. Das Archiv der Eulenspiegelstadt, das im Rathaus untergebracht ist, befindet sich direkt unter dem Dach. Hier geht Lopau, der in Hamburg Germanistik sowie Mittlere und Neuere Geschichte studiert und 1988 mit dem Magister-Titel abgeschlossen hat, seiner Arbeit als Archivar nach. Das B\u00fcro: zwei Glask\u00e4sten, in dem Lopau und sein Kollege Hans Werner Kuhlmann, Leiter des Fotoarchivs, ihre B\u00fcros haben. Dahinter \u00f6ffnet sich der Blick auf das Archiv. Bevor er mit <a href=\"http:\/\/Kulturportal-Herzogtum.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kulturportal-Herzogtum.de<\/a> \u00fcber seine Arbeit spricht, stellt er noch schnell sein Arbeitsreich vor.<\/p>\n<p><strong>Kulturportal-Herzogtum.de:<\/strong> Herr Lopau, wozu braucht es eigentlich Archive?<\/p>\n<p><em><strong>Christian Lopau:<\/strong> Unser Menschsein beruht auf der Weitergabe aus Gelerntem und Wissen. Diese Weitergabe ist \u2013 erweitert durch die Schrift \u2013 zu ganz neuen Dimensionen gekommen. Archive sind die Ged\u00e4chtnisse unserer Gesellschaft, einer Stadt, einer Region. Es ist wichtig, bestimmte Dinge zu dokumentieren und zu bewahren \u2013 beispielsweise f\u00fcr die Stadt die Stadtrechte.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Sieht die Politik das genauso?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Es gibt die gesetzliche Verpflichtung durch das Landesarchivgesetz von 1992. Da bin ich dankbar, dass wir diese Grundlage f\u00fcr die Kommunen und die \u00f6ffentliche Hand haben. Mehr Unterst\u00fctzung kann man aber immer gebrauchen. In den 80er Jahren war die Bereitschaft zweifellos gr\u00f6\u00dfer, mehr Mittel zur Verf\u00fcgung zu stellen. Heute stehen andere Dinge wie die Digitalisierung mehr im Fokus. Das Bewusstsein f\u00fcr historische Dinge schwindet.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Woran machen Sie das fest?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Es fehlt oft das Interesse, sich mit Ursachen f\u00fcr bestimmte Entwicklungen zu besch\u00e4ftigen. Wenn die Gesellschaft Zusammenh\u00e4nge aber nicht mehr erkennt, kann das Probleme f\u00fcr die Demokratie mit sich bringen. Ich sehe da eine wichtige Aufgabe unserer Archive: Indem sie politisches Handeln sichtbar machen, sind sie auch wichtige demokratische Institutionen. Gegenw\u00e4rtig stehen andere Dinge im Vordergrund. Wir werden oft als eher als Kultureinrichtung wahrgenommen.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Wie steht es denn um die strukturellen Voraussetzungen, um die Ziele eines modernen Archivwesens zu erf\u00fcllen?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Das M\u00f6llner Archiv ist ein Provisorium. Idealerweise br\u00e4uchten wir klimatisierte R\u00e4ume. Wenn wir im Sommer hohe Temperaturen haben, haben wir keine Chance das zu regeln. Das geht weiter mit der personellen Ausstattung. Gerade was die \u00dcbernahme digitaler Daten anbelangt. Diese Daten m\u00fcssen auch bearbeitet werden. Das werden wir so nicht machen k\u00f6nnen. Da fehlt das Know-how. Wir denken aktuell \u00fcber Verbundl\u00f6sungen nach. Das Bewusstsein f\u00fcr die Problematik ist in Verwaltung und Politik noch nicht da. Ein gro\u00dfer Wunsch ist zudem, mehr Platz zu haben. Aber Platzprobleme haben fast alle Archive.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Sie haben gesagt, dass Archive h\u00e4ufig als Kultureinrichtung auftreten. In Ihrem Falle muss man diese Aussage unterstreichen. Sie geben Vortr\u00e4ge, bieten Radtouren und gef\u00fchrte Joggingtouren an. Mit dem Klischee des Archivars, der sich in abgedunkelten R\u00e4umen um alte verstaubte Akten k\u00fcmmert, hat das nichts zu tun. Kommt Ihnen diese Art der \u00d6ffentlichkeitsarbeit zugute? St\u00e4rkt das die Akzeptanz?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Ich denke schon, dass wahrgenommen wird, dass wir als Institution da sind. Die Leute rufen beispielsweise an, wenn sie einen Nachlass aufl\u00f6sen oder eigene Dinge durchgucken. Oder sie schreiben eine Mail. Zudem sind die Vortr\u00e4ge gut besucht. Das Publikum ist da eher 50 plus. Zum Tag der Archive wenden wir uns in diesem Jahr besonders an die Schulen. Damit erreichen wir die j\u00fcngere Generation, die sieht, was das \u00fcberhaupt ist \u2013 ein Archiv.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Sie sind Leiter der Archivgemeinschaft Nordkreis Herzogtum Lauenburg und damit f\u00fcr die Stadtarchive M\u00f6lln und Ratzeburg sowie die Amtsarchive Berkenthin, Breitenfelde, Lauenburgische Seen und Sandesneben-Nusse zust\u00e4ndig. Wie schaffen Sie es, all die Veranstaltungen und die Anforderungen, die das Archivwesen an Sie stellt, unter einen Hut zu bringen?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Ich \u00fcberlege mir schon sehr genau, was ich machen kann. In einem Ein-Mann-Archiv mit Unterst\u00fctzung von ehrenamtlichen Kr\u00e4ften muss man gucken, wie man zurechtkommt. Die Vermittlung und der Kontakt mit den Menschen sind mir aber eine Herzensangelegenheit und ich sehe, dass es heutzutage neue Wege braucht, zu zeigen, welche Bedeutung Geschichte hat.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Ich bleibe beim Thema Zeitmanagement. Schon die Vortr\u00e4ge, die Sie halten m\u00fcssen doch unheimlich viele Arbeitsstunden in Anspruch nehmen.<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Das ist auch eine Sache der Erfahrung. Wenn ich ein Thema neu erarbeite, kann ich auf bestimmte St\u00fccke zur\u00fcckgreifen. Weil ich diese Arbeit schon so lange mache, ist mir die grundlegende Literatur vertraut und ich kenne Leute, die zu ganz bestimmten Themen arbeiten. Dadurch komme ich an die neuesten Aufs\u00e4tze.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Der Aufwand f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit ist eine Sache. Bleibt noch die klassische Arbeit des Archivars\u2026<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Ich bin sehr strukturiert in allem, was ich mache. Anders lie\u00dfe sich das auch nicht umsetzen. Au\u00dferdem habe ich vor Ort Hilfskr\u00e4fte. Ich gucke, was ich wo veranlassen muss. Man telefoniert auch mal von einem anderen Archiv aus, um etwas zu kl\u00e4ren. Die Grundidee ist, dass die Hilfskr\u00e4fte die Aufgabe mit mir absprechen und dass das dann auch funktioniert \u2013 die Sachen nicht liegen bleiben und man sie zu Ende erfolgt. Oft ist man als Archivmanager gefragt. Am Sonnabend bin ich beispielsweise zur B\u00fcrgermeisterkonferenz in Berkenthin. Da werde ich meine Archivarbeit pr\u00e4sentieren und den B\u00fcrgermeistern anbieten, dass ich mit ihnen die Aktenschr\u00e4nke durchgucke. Was wird gebraucht? Was ist doppelt vorhanden. Amtsausschussprotokolle beispielsweise \u2013 die muss man nicht in jeder Gemeinde aufheben. Was archivw\u00fcrdig ist, \u00fcbernehmen wir. Die Mitarbeiter m\u00fcssen die Dokumente dann umheften und ich muss ein Findbuch erstellen.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Wie sieht es allgemein mit der Erfassung von Dokumenten aus? Hinken Sie da hinterher?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Wo wir ran m\u00fcssen, sind aktuelle Best\u00e4nde aus der Verwaltung. Wenn man einen gro\u00dfen Keller hat, r\u00e4umt man die Sachen erstmal in einen gro\u00dfen Keller. Das liegt wohl in der menschlichen Natur, dass man das erstmal so wegstellt \u2013 bis es irgendwann nicht mehr geht. Die Zeit, das vern\u00fcnftig zu machen, fehlt mir. Und dann fehlt mir der Platz. Zehn Regalmeter-Akten k\u00f6nnte ich gar nicht aus dem Keller hochholen. Hier im Haus habe ich gerade diesen Fall.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Frustriert Sie das?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Am 1. April bin ich 30 Jahre hier. Da guckt man, was hat sich ver\u00e4ndert. Es gibt viele Sachen, wo ich sage, das ist ein Gl\u00fccksfall, dass ich es so machen konnte. Es gibt aber auch Dinge, die h\u00e4tte ich gerne anders.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Zum Einstieg habe ich Sie nach dem Sinn des Archivwesens gefragt. Zum Schluss richte ich den Blick nach vorn und komme noch mal auf das Thema Digitalisierung zu sprechen. Wie sieht das Archiv der Zukunft aus, wenn die digitale Akte zum Standard geworden ist?<\/p>\n<p><em><strong>Lopau:<\/strong> Auf Archivtagungen bestimmt das gerade die Diskussion. Ich sehe das prinzipiell sehr positiv, weil es das Ende der hybriden \u00dcberlieferung bedeutet. Was wir jetzt haben, ist das Nebeneinander von Ablage in Papierform und digitalen Daten, die jeder auf seinen Server ablegt. Diese Daten, zuk\u00fcnftigen Generationen zug\u00e4nglich zu machen, ist schwierig. Eine digitale Akte, die vom Einzelnen Disziplin erfordert, bietet die Chance, alles in einem Format zusammenzuf\u00fchren. Da muss man sich Gedanken machen. Wie sehen die Schnittstellen aus? In welcher Form werden die Daten gespeichert? Wann sind sie f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich? Wenn die Digitalisierung \u2013 unter Einbeziehung der Archive \u2013 richtig gemacht wird, ist sie was Gutes. Am Anfang hat man vieles eingef\u00fchrt, ohne die historische Dimension in Betracht zu ziehen. Das ist auch eine Frage der Kommunikation. Der IT-ler versteht unter Archivierung etwas anderes als der Historiker oder Archivar.<\/em><\/p>\n<p><strong>KP:<\/strong> Herr Lopau, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herzogtum Lauenburg (kp). Wer Christian Lopau einen Besuch an seinem M\u00f6llner Arbeitsplatz abstatten will, muss ein wenig aufpassen, dass er nicht vom Weg abkommt. Bis zu seinem Schreibtisch sind es ein paar Treppenstufen. Das Archiv der Eulenspiegelstadt, das im Rathaus untergebracht ist, befindet sich direkt unter dem Dach. 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