{"id":15744,"date":"2019-07-13T10:13:13","date_gmt":"2019-07-13T08:13:13","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=15744"},"modified":"2019-07-14T12:41:02","modified_gmt":"2019-07-14T10:41:02","slug":"moralische-haltung-der-einzelnen-hat-gesellschaftliche-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2019\/07\/13\/moralische-haltung-der-einzelnen-hat-gesellschaftliche-folgen\/","title":{"rendered":"Moralische Haltung der Einzelnen hat gesellschaftliche Folgen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Vera Bade<\/strong><\/p>\n<p>Ein evangelischer Pastor hat mir mal gesagt: &#8222;Ich rede bei einer Trauerfeier \u00fcber den Wert des menschlichen Lebens und ich wei\u00df, dass die vor mir stehenden in einem verbissenen Erbstreit miteinander sind&#8220;. Er ist ein fr\u00f6hlicher Pastor, der viele Freunde auf der Welt hat, ein neugieriger aufgeschlossener Mensch, der mir mal sagte: &#8222;Du bist ja eine atheistische<br \/>\nChristin&#8220;. Sein Denken ist nicht dogmatisch, kennt also keine ideologische Strenge und keine Schablonen. Er selbst f\u00e4hrt Fahrad, sein Sohn aber &#8211; ein Auto als Statussymbol, &#8222;ich wei\u00df nicht, von wem er das hat&#8220;, wunderte er sich mal&#8230;<\/p>\n<p>In einer Kleinstadt wie Ratzeburg, bemerken die Bewohner schnell neue Gesichter, und gerade \u00fcber &#8222;die Fremden&#8220;, die ungew\u00f6hnlichen Biografien haben, wird bei manchen die Ger\u00fcchtek\u00fcche eingeschaltet. Da ich viel herum komme, neue Kontakte kn\u00fcpfe und Gespr\u00e4che suche, haben mir manche Passanten mit ihren Augen signalisiert: &#8222;Ach, Du bist es!&#8220;.<\/p>\n<p>Da Menschen normalerweise sich nicht alle miteinander &#8222;gr\u00fcn&#8220; sind, auch die, die verwandt sind, leisten viele ihren Beitrag in den &#8222;K\u00fcchentopf&#8220;. &#8222;Warum reden die Leute \u00fcber die anderen und nicht mit ihnen?&#8220;, fragte mal der Pastor. &#8222;Vielleicht, weil sie nicht neugierig sind?&#8220;, vermutete ich. Der Pastor war aber neugierig und wir haben uns gegenseitig zum<br \/>\nEssen eingeladen, um zu reden.<\/p>\n<p>In rund 35 Jahren, die ich die idyllisch gelegene Ortschaft mit Familie ab und zu besucht habe, wo ich jetzt permanent wohne, kam es mit keinem der angeheirateten Verwandten zu so einem Gespr\u00e4ch. Ein freundliches Hallochen und Umarmungen wurden mir zwar immer geschenkt, aber sonst wenig Neugier einer Nicht-Deutschen gegen\u00fcber. Waren nur die Besuche zu kurz? Von manchen, mit denen ich kurz oder l\u00e4nger mit Mann und Kind unter einem Dach wohnte, empfand ich eher eine unausgesprochene Warnung: &#8222;das ist u n s e r Haus, u n s e r Gr\u00fcndst\u00fcck!&#8220; Die Warnung hing in der Luft, war in den Blicken der Bewohner<br \/>\nablesbar. Aber gleichzeitig war eine gewisse Gnade und &#8222;Tolerierung&#8220; da, meine &#8222;Papiere&#8220; waren ja in Ordnung. Fehlendes Interesse f\u00fcr meine Heimat oder meine Gedanken ist f\u00fcr mich kein Problem. Es gibt ja andere Menschen und andere Orte.<\/p>\n<p>Aber nachdem das Gesicht des idyllischen \u00d6rtchens, wo wir wohnen, sich sichtbar ver\u00e4ndert hatte &#8211; pl\u00f6tzlich waren dunkelh\u00e4utige Menschen da und sogar ganz schwarze, mit ihren Familien, in ihren exotischen Kleidern &#8211; war wenigstens bei mir Neugier \u00fcber deren andere Traditionen und Mentalit\u00e4ten geweckt. Und ich dachte nach \u00fcber meine Vorgeschichte hier, verglichen mit ihrer. Wie kommen die Neuen in dieser Welt zurecht mit ihren Traditionen und Mentalit\u00e4ten?<\/p>\n<p>Einem deutschen Ehepaar habe ich ein B\u00fcchlein mit Spr\u00fcchen von Khalil Gibran geschenkt. Dabei sagte ich: &#8222;\u00dcber 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund sind schon da, darunter zirka f\u00fcnf Millionen Muslime. Wir m\u00fcssen verstehen, wie sie denken.&#8220; &#8222;M\u00fcssen wir?&#8220;, fragte der Ehemann mit einer leicht verwunderten Miene. Seine Partnerin war von Khalil Gibran aber gleich begeistert.<\/p>\n<p>Wenn wir mit den Neuen nicht reden, dachte ich sp\u00e4ter, und sie blo\u00df tolerieren oder ignorieren, gar unsere Verachtung zeigen (ich sah wie manche Passanten auf der Stra\u00dfe versuchten Asylanten mit Hass in ihren Blicken zu &#8222;vertreiben&#8220;, eine Passantin hat einem &#8222;Hau ab!&#8220; ins Gesicht geschrien), was erwartet uns dann?<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge, so habe ich sp\u00e4ter gemerkt, meiden jetzt die Augen der Einheimischen. Sie m\u00fcssen ja hasserf\u00fcllte Blicke ignorieren, um hier leben und ihre Kinder aufziehen zu k\u00f6nnen. Ich hatte &#8222;Gl\u00fcck&#8220;, lange Zeit toleriert zu sein. Aber ich musste auch erst Grimassen und Nasenr\u00fcmpfen in meine Richtung ignorieren, wenn ich hier mal Ferien verbrachte. Ein paar Jahrzehnte sind vergangen und bei mir ist ein Freundeskreis hier in Ratzeburg entstanden,wo ich mich wohl f\u00fchle.<\/p>\n<p>Es wird immer Leute geben, die nichts \u00fcber 2.000 Jahre Migration wissen (die Ausstellung dazu l\u00e4uft noch in Hamburg), die nicht mal wissen, dass ihre eigenen Ahnen auch mal Migranten waren (in Ratzeburg zuletzt 1945!) und dass in Deutschland heute 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben. Dass wegen der demografischen Entwicklung der Arbeitskr\u00e4ftemangel in vielen Bereichen den Firmen Sorgen macht. Dass Globalisierung nicht aufzuhalten ist (Ein &#8222;Globalisierungsatlas&#8220; wurde gerade publiziert).<\/p>\n<p>Von Kriminellen, die mit dem Bauch und nicht mit dem Kopf denken, kamen Sch\u00fcsse auf Menschen wie zuletzt den amtierenden CDU Politiker Walter L\u00fcbcke. Von 180 anderen, die von Gleichgesinnten vor L\u00fcbcke umgebracht wurden, gehen die Namen nicht durch die<br \/>\nPresse&#8230;<\/p>\n<p>Was passiert, wenn Menschen nebenan ignoriert oder gar gehasst werden? Die gehassten haben ja zun\u00e4chst keine Wahl, sie ja m\u00fcssen damit leben. Nur der Spa\u00df an Integration ist ihnen gleich &#8222;verdorben&#8220;, wenn nicht genommen. Aber es w\u00e4re so wichtig, die Integrationserfahrung positiv weiterzugeben.<\/p>\n<p>Lohnt es sich wirklich, den Neuen deutlich zu zeigen: &#8222;Es ist u n s e r St\u00fcck Erde, u n s e r See!&#8220;? Die Kinder der Neuen, die der &#8222;Fremden&#8220;, werden sich in Deutschland sowieso bald zu Hause f\u00fchlen. Die zerbombten oder zur W\u00fcste gewordenen L\u00e4nder ihrer Eltern werden sie nicht kennen. Deutsche Kinderg\u00e4rten und Schulen werden ihre Heimat sein. Ein paar Nachbarn mit b\u00f6sen Blicken werden sie nicht zu sehr st\u00f6ren, wenn andere Menschen ihnen mit freundlichen Blicken begegnen. Es ist halt so im Leben: es gibt solche und solche, auch unter Alteingesessenen!<\/p>\n<p>Es gibt ein M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm, wo ein Schilling in ein anders Land kommt, wo der f\u00fcr eine Falschm\u00fcnze gehalten wird. Der Schilling leidet darunter: &#8222;Ich bin hier nichts wert, was nutzen mir meine Pr\u00e4gung und Wert!&#8220; Es ist nicht so wichtig, wie es ihm weiter ergeht, aber das Ende ist, so erinnere ich, gut: &#8222;Alles kommt zu Recht, du musst nur aushalten, Dein Wert wird schon erkannt werden&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Ich versuche die Neuen mit freundlichen Blicken zu ermutigen: halte aus und dein Wert wird anerkannt. Ich denke, es ist ihnen wichtig, denn die idyllische Landschaft ist nicht mit Harmonie und Ruhe gleichzusetzen. Auch unter den Alteingesessenen brodelt es manchmal, und tr\u00fcgerische Ruhe wurde woanders schon durch Sch\u00fcsse gest\u00f6rt. Mit dem richtigem Wissen, Aufkl\u00e4rung und Haltung kann man so etwas vielleicht verhindern.<\/p>\n<p>&#8222;Die Haltung der Einzelnen hat gesellschaftlichen Wirkung&#8220;, sagte mal ein Politiker. Wie man miteinander umgeht, ist auch Kultur&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Vera Bade Ein evangelischer Pastor hat mir mal gesagt: &#8222;Ich rede bei einer Trauerfeier \u00fcber den Wert des menschlichen Lebens und ich wei\u00df, dass die vor mir stehenden in einem verbissenen Erbstreit miteinander sind&#8220;. 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