{"id":11750,"date":"2019-02-13T06:10:31","date_gmt":"2019-02-13T05:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=11750"},"modified":"2019-02-13T08:16:27","modified_gmt":"2019-02-13T07:16:27","slug":"zeitzeuge-tswi-josef-herschel-brachte-eine-starke-botschaft-gegen-unrecht-in-die-gemeinschaftsschule-lauenburgische-seen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2019\/02\/13\/zeitzeuge-tswi-josef-herschel-brachte-eine-starke-botschaft-gegen-unrecht-in-die-gemeinschaftsschule-lauenburgische-seen\/","title":{"rendered":"Zeitzeuge Tswi Josef Herschel brachte eine starke Botschaft gegen Unrecht in die Gemeinschaftsschule Lauenburgische Seen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ratzeburg (pm).<\/strong> Eine in vielerlei Hinsicht ber\u00fchrende und beeindruckende Lebensgeschichte durften Sch\u00fcler der Gemeinschaftsschule Lauenburgische Seen vergangene Woche im Rahmen eines Begegnungsgespr\u00e4ches mit einem \u00dcberlebenden des Holocaust erfahren. Tswi Josef Herschel aus Israel stellte den Jugendlichen seinen &#8222;Lebenskalender&#8220; vor, ein einzigartiges Dokument bestehend aus 24 Bildern einer Lebensvision, gezeichnet von seinem Vater, so wie er sich es f\u00fcr seinen Sohn vorgestellt und gew\u00fcnscht hatte.<\/p>\n<p>Tswi Herschel, geboren 1942 im holl\u00e4ndischen Zwolle, durfte seinen Vater Nico und seine Mutter Ammy nie kennenlernen. Seine Eltern gaben ihn 1943, wissend das ihr eigener Weg aus dem Amsterdamer Ghetto in den Tod f\u00fchren w\u00fcrde, im Alter von sechs Monaten in die H\u00e4nde einer befreundeten niederl\u00e4ndischen Familie, die ihn fortan als eigenes Kind mit dem Namen Henk gro\u00dfzog. Tswi Josef Herschel ahnte als Henk nichts von seiner j\u00fcdischen Identit\u00e4t und auch nichts von der gro\u00dfen Gefahr, die seine Pflegefamilie auf sich nahm, um ihn vor den Nazischergen zu verstecken.<\/p>\n<p>Erst als nach dem Krieg seine Gro\u00dfmutter Rebecca, die einzige \u00dcberlende der Familie, erschien und ihn v\u00f6llig unvermittelt und f\u00fcr ihn traumatisch zu sich nach Rotterdam holte, begann seine Suche nach seiner wahren Identit\u00e4t. Von seiner Gro\u00dfmutter, die den Holocaust \u00fcberlebte, aber ihr Leben traumatisiert blieb, erfuhr er nur wenig \u00fcber seine Herkunft. In seiner wachsenden Neugier setzte er sich \u00fcber ihre Verbote hinweg und begann heimlich in ihren Unterlagen zu suchen. Er stie\u00df auf die Namen seiner Eltern und erhielt als Jungerwachsener schlie\u00dflich weitere Papiere, darunter seinen \u201eLebenskalender\u201c, das Verm\u00e4chtnis seines Vaters. Er erfuhr in vielen Jahren der Recherche, was aus seinen Eltern wurde, als sich ihre Wege in Amsterdam trennten. \u00dcber das holl\u00e4ndische Judendurchgangslager Westerbork f\u00fchrte ihr Weg noch im gleichen Jahr direkt in den Tod im Vernichtungslager Sobibor. Tswi Herschel besuchte diesen Ort im s\u00fcd\u00f6stlichen Polen, der noch von den Nazis zum Zwecke der Vertuschung abgebrochen worden war und heute ein beklemmendes Waldst\u00fcck \u00fcber Massengr\u00e4bern ist.<\/p>\n<p>Seine j\u00fcdische Identit\u00e4t wurde f\u00fcr Tswi Herschel in der Folge immer bedeutsamer, insbesondere auch durch die Erfahrung, dass er vormals als Henk niemals eine Form von Ausgrenzung erfahren musste, aber als Tswi den zunehmenden Antisemitismus im Nachkriegsholland ganz pers\u00f6nlich erlebte. So reifte in ihm der Wunsch, ein Leben ohne die allt\u00e4glichen, mal subtil, mal offen ge\u00e4u\u00dferten Anfeindungen, zu f\u00fchren. Er emigrierte 1986 mit seiner Familie nach Israel, ganz wie sein Vater es sich in seinem &#8222;Lebenskalender&#8220; f\u00fcr ihn gew\u00fcnscht hatte und widmete sich in den Folgejahren zunehmend der Vers\u00f6hnungsarbeit, als Botschafter der Geschichte, der eine bewegende Lebensgeschichte zu erz\u00e4hlen hat und dies mit stets offen und mit ausgestreckter Hand tun m\u00f6chte. Vor den rund 50 Sch\u00fcler*innen der Ratzeburger Gemeinschaftsschule aus der 10. Jahrgangsstufe, war es ihm besonders wichtig zu betonen, dass es ein junges holl\u00e4ndisches M\u00e4dchen im Alter von 17 Jahren war, die ihn damals unter Lebensgefahr aus dem Amsterdamer Ghetto geschmuggelt und damit in unglaublicher Weise Zivilcourage bewiesen hatte. Erst viele Jahre sp\u00e4ter, so Tswi Herschel, habe er diese Frau ausfindig gemacht und sie aus Israel angerufen: &#8222;Sie wusste sofort, wer ich bin&#8220;, beschrieb Tswi Herschel dieses erste, sehr bewegende Telefonat. Solch einen Mut, so Tswi Herschel, w\u00fcnsche er sich von allen Menschen, im Angesicht von Unrecht t\u00e4tig zu werden.<\/p>\n<p>Dessen Tochter Natalie, die ihren Vater auf den wiederkehrenden Reisen nach Deutschland begleitet, erg\u00e4nzte seinen Lebensbericht, mit der eigenen Erfahrung, in einer Familie aufzuwachsen, der die Vergangenheit in gro\u00dfen Z\u00fcgen fehlt. Sie beschrieb einen verkr\u00fcppelten Familienbaum, ohne jegliche Gro\u00dfeltern und mit vielen weiteren \u00c4sten, die im m\u00f6derischen Holocaust verdorrten.<\/p>\n<p>In der anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4chsrunde, fragte eine Sch\u00fclerinnen beinahe zweifelnd, ob Tswi Herschel heute \u00fcberhaupt gl\u00fccklich sein k\u00f6nne? Er bejahte dies mit Verweis auf seinen Lebensweg ganz im Sinne des beschriebenen &#8222;Lebenskalenders&#8220; und auf seine wachsende Familie und vor allem mit Blick auf diese Begegnungen mit jungen Menschen, die ihm zuh\u00f6ren w\u00fcrden und in die er seine Hoffnung setze, dass solche eine Zeit des totalen Unrechts sich niemals wiederholen mag.<\/p>\n<p>Das Zeitzeugengespr\u00e4ch wurde im Rahmen des Projektes \u201eZUG\u00c4NGE SCHAFFEN\u201c des Vereins Miteinander leben e.V. in M\u00f6lln erm\u00f6glicht, das sich die Pr\u00e4vention von Antisemitismus in all seinen Facetten zum Ziel gesetzt hat und \u00fcber das Bundesprogramm \u201eDemokratie leben!\u201c vom Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Modellprojekt gef\u00f6rdert wird. Dabei unterst\u00fctzte der Verein Yad Ruth e.V. aus Hamburg, der regelm\u00e4\u00dfig \u00dcberlebende des Holocaust nach Norddeutschland zu Schulbesuchen einl\u00e4dt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ratzeburg (pm). Eine in vielerlei Hinsicht ber\u00fchrende und beeindruckende Lebensgeschichte durften Sch\u00fcler der Gemeinschaftsschule Lauenburgische Seen vergangene Woche im Rahmen eines Begegnungsgespr\u00e4ches mit einem \u00dcberlebenden des Holocaust erfahren. 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