{"id":11185,"date":"2012-08-22T09:48:16","date_gmt":"2012-08-22T08:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/?p=11185"},"modified":"2019-01-29T10:15:52","modified_gmt":"2019-01-29T09:15:52","slug":"geschichten-und-anekdoten-aus-dem-alten-ratzeburg-teil-4-erinnerungen-an-den-ratskeller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2012\/08\/22\/geschichten-und-anekdoten-aus-dem-alten-ratzeburg-teil-4-erinnerungen-an-den-ratskeller\/","title":{"rendered":"Geschichten und Anekdoten aus dem alten Ratzeburg &#8211; Teil 4: Erinnerungen an den \u201eRatskeller\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ratzeburg (pm).<\/strong> In diesem Jahr feiert Ratzeburg den 950. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erw\u00e4hnung. <a href=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2012\/02\/18\/geschichten-aus-dem-alten-ratzeburg\/\">Zu diesem Anlass planten drei M\u00e4nner vor etwa einem Jahr die Sammlung und Ver\u00f6ffentlichung von Geschichten<\/a>: Klaus-J\u00fcrgen Mohr, Vorsitzender des Senioren-Beirats, Christian Lopau, Archivar der Stadt, und Hans-Joachim H\u00f6hne, langj\u00e4hriger Schulmeister. Im vergangenen Sommer suchte die kleine Redaktionsgruppe \u00fcber die Presse nach passenden Beitr\u00e4gen. Die Geschichten sollen die heutige und kommende Generationen an Menschen erinnern, die man mit dem Namen \u201eRatzeburg\u201c verbindet und deren Ged\u00e4chtnis es wert ist, bewahrt zu werden. Mit freundlicher Genehmigung der Initiatoren werden diese jetzt auch auf Herzogtum direkt zu lesen sein. Im vierten Teil lesen Sie etwas \u00fcber den alten Ratskeller.<\/p>\n<p>Der \u201cRatskeller\u201d war das f\u00fchrende Hotel am Platze. Repr\u00e4sentativ am Marktplatz gelegen fiel es auf durch die einladende, breite Veranda unter den gestutzten Lindenb\u00e4umen, die damals den ganzen Marktplatz s\u00e4umten. Durch den Vorbau gelangte man in die weitr\u00e4umige Diele mit der breiten geschwungenen Freitreppe, die in die oberen Hotelzimmer und den dazugeh\u00f6rigen Saal f\u00fchrte. Seitlich, von der Langenbr\u00fccker Stra\u00dfe aus, war die Einfahrt zu Hof und Stallungen f\u00fcr Pferde und Kutschengespanne. Links von der Einfahrt, in der Kutscherkammer, wohnte der Hoteldiener \u201eFiete vom Ratskeller\u201c.<\/p>\n<p>Der Misthaufen auf dem Hof, die Pumpe und ein kleiner Gem\u00fcsegarten wurden \u00fcberschattet von einem gro\u00dfen Birnbaum. Links waren die St\u00e4lle und die Waschk\u00fcche, rechts gelangte man \u00fcber einen niedrigen Anbau, in der sich die Abw\u00e4sche befand, in die Hotelk\u00fcche. Dort herrschte die kleine, r\u00fchrige Frau des Besitzers, Erna M\u00fcnstermann, die daf\u00fcr sorgte, dass der Mittagstisch auch nach dem allm\u00e4hlichen Verfall des Hotels seinen guten Ruf f\u00fcr b\u00fcrgerliche K\u00fcche behielt, w\u00e4hrend ihr Mann, Paul M\u00fcnstermann, sich in den Gastr\u00e4umen um eine behagliche Atmosph\u00e4re bem\u00fchte, was nicht ganz einfach war, da das Interieur un\u00fcbersehbar den Stempel des Vergangenen trug.<\/p>\n<p>Ernst Steinhusen, der clevere Besitzer der \u201eSchauburg\u201c, des einzigen Kinos in Ratzeburg, \u00fcbernahm das Hotel von der Familie M\u00fcnstermann. Das Restaurant bekam eine neue Einrichtung und die Hotelhalle erstrahlte im neuen, alten Glanz. Die Veranda, die in ihrer letzten Zeit rechts an das Sportgesch\u00e4ft von Zaluskowski und links an die Volksbank verpachtet war, wurde abgerissen und machte so einem gro\u00dfz\u00fcgigeren Hotelportal Platz, worauf der neue Besitzer durchaus stolz sein konnte.<\/p>\n<p>Im Ratskeller tagte regelm\u00e4\u00dfig der Skatclub mit Max Horst, Georg Bernh\u00f6ft und anderen. Am Stammtisch erz\u00e4hlte Ernst Steinhusen, der es mit den Fremdw\u00f6rtern nicht so sehr genau nahm, dass auch der \u201eAburantenball\u201c wieder bei ihm stattgefunden habe. Und als er h\u00f6rte, dass Dr. Schiwago im Kino war, behauptete er: \u201eDer hat auch schon bei mir gewohnt\u201c. Zu Walter Mohr sagte er: \u201eNeulich habe ich einen sextilen Kollegen von dir getroffen, der auch so einen Panorama-Hut hatte wie du\u201c.<\/p>\n<p>Als Steinhusen den Ratskeller zum Verkauf anbot, erhielt Nachbar Walter Mohr vor der Volksbank, die auch mitgeboten hatte, den Zuschlag. Steinhusen blieb P\u00e4chter. Im August 1959 verursachte ein vergessenes B\u00fcgeleisen einen Dachstuhlbrand. Wegen des erheblichen Wasserschadens durch die L\u00f6scharbeiten musste das alte Geb\u00e4ude abgerissen werden. An seiner Stelle entstand das vergr\u00f6\u00dferte Kaufhaus Mohr.<\/p>\n<p><strong>Ernst Steinhusen<\/strong><br \/>\n\u201eFreuen wollen wir uns, aber nicht am\u00fcsieren. Das hat unser Freund nicht verdient.\u201c Karl Pechascheck erinnert an seinen alten Freund und G\u00f6nner Ernst Steinhusen, mit dem er \u201e50 Jahre lang in unserer kleinen Stadt zusammen leben durfte.\u201c Es folgen die Geschichten von \u201eDr. Schiwago, de ok all bi mi in den Ratskeller slapen hett\u201c; von dem ber\u00fchmten Film, demn\u00e4chst zu sehen in seinem Burgtheater: \u201eDer Gl\u00f6ckner von Rotterdam\u201c. Sollte ihm beim Skat niemand erz\u00e4hlen, er wisse nichts von Euphorie! Nat\u00fcrlich habe er von Euphrat und Tigris geh\u00f6rt! Mit fremden Begriffen hatte Ernst es nicht leicht, aber er machte es sich leicht damit: Aus einem \u201eImporteur\u201c wurde bei ihm ein \u201eImpotenter\u201c, einer, der an der \u201ePeripherie\u201c wohnte, lebte bei ihm an der \u201ePissepherie\u201c. Karl erinnerte sich, was Dr. Knoop, zeitweise Mittelschullehrer in Ratzeburg, sp\u00e4ter leitender Beamter im Kieler Kultusministerium, gesagt hatte: \u201eMan soll die Fremdw\u00f6rter besser nicht aussprechen; man wei\u00df nicht, wer sie vorher mal im Mund gehabt hat.\u201c<\/p>\n<p>Ernst Steinhusen hatte Erfolg, was immer er anfasste. Er kaufte den Besitz der ehemaligen \u201eAktien-Brauerei\u201c und betrieb dort mit gro\u00dfem Erfolg das erste Tonfilm-Kino, die \u201eSchauburg\u201c. Karl denkt in seinen Erinnerungen dankbar an die niedrige Saalmiete zur\u00fcck, die er f\u00fcr Auff\u00fchrungen seiner Puppenb\u00fchne an seinen Freund zu zahlen hatte. Immer wieder weist Karl auf die Freude hin, mit der er seinem alten, l\u00e4ngst verstorbenen Freund Ernst in einem Tonband voller Erinnerungen ein Denkmal setzen konnte f\u00fcr Menschen mit Humor, die es sp\u00e4ter h\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Fiete vom Ratskeller&#8220;<\/strong><br \/>\nBeim Sammeln der Geschichten ist der Gute einige Male aufgetaucht. Er hat ja auch genug dazu beigetragen, in Erinnerung behalten zu werden. Leider sind seine \u00d6lgem\u00e4lde wohl nicht mehr erhalten. Er fotografierte nicht nur mit seiner Plattenkamera, er malte auch. Nach glaubw\u00fcrdigen Aussagen alter Ratzeburger fotografierte und malte er besonders gern \u2013 nackte Damen! Schade, dass wir daf\u00fcr keinen Beweis drucken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Fiete war stets hilfsbereit. Im Ratskeller gab es einen Stammtisch angesehener Ratzeburger B\u00fcrger. Wie das bei Stammtischen so geht: Es konnte sp\u00e4t werden. Zumindest einmal bat der Wirt, Herr M\u00fcnstermann, Fiete um Hilfe, damit alle endlich ihre Betten aufsuchen k\u00f6nnten. Fiete ging zu einem, der ihm durch sein Durchhalteverm\u00f6gen aufgefallen war: \u201eSo Herr X, nun wird\u2019s Zeit, dass wir in\u2019s Bett kommen!\u201c Herr X stand sofort auf, Fiete nahm ihn beim Arm, und sie gingen (es war nicht weit) heim. Weil der Hausherr Probleme mit dem Schl\u00fcsselloch hatte, \u00fcberlie\u00df er das \u00d6ffnen der Haust\u00fcr seinem freundlichen Begleiter. Der merkte, dass es mehr Schwierigkeiten geben k\u00f6nnte, und weil er nun mal ein freundlicher Mensch war, geleitete er Herrn X bis ins eheliche Schlafgemach. Man stelle sich die zugeh\u00f6rige Ehefrau in dieser Situation vor, die nat\u00fcrlich aufgewacht war! Sie tat das Kl\u00fcgste, was sie tun konnte \u2013 sie stellte sich schlafend. Ihr Ehemann sank auf sein Bett und schnarchte umgehend. Fiete hatte getan, was er tun musste; er zog sich zur\u00fcck, verschloss die Haust\u00fcr, und am n\u00e4chsten Tag tauschte er bei einem angesehenen B\u00fcrger der Inselstadt dessen Haust\u00fcrschl\u00fcssel gegen eine besonders sch\u00f6ne, dicke Zigarre ein.<\/p>\n<p>Ach ja: Zigarren! Fiete hatte seine Kammer an der Durchfahrt von der Langenbr\u00fcckerstra\u00dfe zum Hof hinter dem Ratskeller. Kamen Leute vom Dorf mit dem Fahrrad in die Stadt, nahm er die Drahtesel in Verwahrung. Er hatte nat\u00fcrlich eine genaue \u00dcbersicht \u00fcber alles, was bei ihm vorbei kam, hinein wie hinaus, tags wie nachts. Er bemerkte also, dass die beiden h\u00fcbschen jungen M\u00e4dchen, die bei Frau M\u00fcnstermann in der K\u00fcche arbeiteten, gern am Sonnabendabend zum Tanzen ins \u201eBellevue\u201c in der M\u00f6llner Stra\u00dfe gingen \u2013 und dass sie nach dem Tanzen nicht immer allein in ihre Kammern zur\u00fcck kamen. Jedenfalls haben die beiden M\u00e4dchen, als sie l\u00e4ngst Ehefrauen und M\u00fctter waren, berichtet, Fiete habe sie mal angesprochen: \u201eSeggt juche Kerls mal, se k\u00f6nnt mi ruhig mal \u00b4ne Zigarr mitbringen, wenn ik se all mit juch d\u00f6rchlaat!\u201c<\/p>\n<p>Fiete wusste sicher selbst, dass er bekannt, ja, popul\u00e4r in Ratzeburg war. Er hatte einmal auf einem Amt etwas zu erledigen. Der Beamte schaute in die Akte: \u201eAch, Sie sind Herr Karl Adolf Bernard.\u201c \u201eDumm T\u00fc\u00fcch, ik b\u00fcn Fiete von\u2019n Ratskeller!\u201c<\/p>\n<p>Lesen Sie hier: <a href=\"https:\/\/www.ratzeburg.de\/media\/custom\/1281_7049_1.PDF?1335511561\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Friedrich von&#8217;n Ratskeller (erz\u00e4hlt von Erni Lorenz, in \u201cUt Ratzeborg un \u00dcmto\u201c)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ratzeburg.de\/media\/custom\/1281_7050_1.PDF?1335511578\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fiete von&#8217;n Ratskeller (erz\u00e4hlt von Paul Goedeke)<\/a><\/p>\n<p>Bisher erschienen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2012\/06\/17\/geschichten-und-anekdoten-aus-dem-alten-ratzeburg-teil-1-august-gluth\/\">Teil 1 &#8222;August Gluth&#8220;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2012\/06\/24\/geschichten-und-anekdoten-aus-dem-alten-ratzeburg-teil-2-vadder-gluth\/\">Teil 2 &#8222;Vadder Gluth&#8220;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/2012\/07\/01\/geschichten-und-anekdoten-aus-dem-alten-ratzeburg-teil-3-schooster-dau\/\">Teil 3 &#8222;Schooster Dau&#8220;<\/a><\/p>\n<p>Mehr auf <a href=\"http:\/\/www.ratzeburg.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.ratzeburg.de<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ratzeburg (pm). In diesem Jahr feiert Ratzeburg den 950. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erw\u00e4hnung. Zu diesem Anlass planten drei M\u00e4nner vor etwa einem Jahr die Sammlung und Ver\u00f6ffentlichung von Geschichten: Klaus-J\u00fcrgen Mohr, Vorsitzender des Senioren-Beirats, Christian Lopau, Archivar der Stadt, und Hans-Joachim H\u00f6hne, langj\u00e4hriger Schulmeister. Im vergangenen Sommer suchte die kleine Redaktionsgruppe \u00fcber die Presse [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11186,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jnews-multi-image_gallery":[],"jnews_single_post":[],"jnews_primary_category":[],"jnews_social_meta":[],"jnews_override_counter":[],"jnews_post_split":[],"footnotes":""},"categories":[63,73,64],"tags":[1959],"class_list":["post-11185","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-herzogtum-lauenburg","category-landleute","category-ratzeburg","tag-geschichten-und-anekdoten-aus-dem-alten-ratzeburg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11185","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11185"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11185\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11225,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11185\/revisions\/11225"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/herzogtum-direkt.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}