Ein Meer von Meinungen

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Von Vera Bade

„Die sind ja alle traumatisiert, die aus Kriegsregionen zu uns kommen! Die brauchen psychologische Hilfe“, höre ich bei Gesprächen im Café. „Ein Dach über dem Kopf, das Essen und Sicherheit sind für die Psyche das Wichtigste“, meint noch jemand, „wir haben nach dem Krieg auch sowas erfahren“. Das Thema Flüchtlinge und, nach President Macrons Worten, „die feste politische Krise“ in Europa, beschäftigt auch unsere kleine schöne Ortschaft am Ratzeburger See.

Wo ist denn das Thema im ganzen Land nicht im Gespräch? In diesen Wochen erfuhren wir täglich aus den Medien, dass Schiffe mit Geflüchteten im Mittelmeer nicht in die Häfen von europäischen Ländern anlaufen durften. Auch wenn Unwetter kam und auch wenn diese Geflüchteten „aus Haut und Knochen“ bestehen, wie ein deutscher Helfer vom Schiff „Lifeline“ seine Passagiere bezeichnet hatte. Italien hat doch eine kleinere Gruppe von Flüchtlingen wegen Unwetter aufgenommen. Malta lässt bisher „Lifeline“ im Meer tagenlang warten.
Über ein anders Thema – Wahlen in der Türkei – reden Ratzeburger auch. „65 Prozent in Deutschland lebenden Türken haben für Erdogan gestimmt! Was machen sie da? Sie müssen zurück in die Türkei gehen!“, sagt eine Frau. „Man soll mit Menschen reden, sie aufnehmen“, sagt eine andere, „wenn sie in der dritten Generation in Deutschland leben und sich ausgegrenzt fühlen bleibt ihnen nur ethnische Soilidarität und Islam“.

Als ich in einer Massagepraxis mit einer Psysiotherapeutin im Gespräch war, sagte sie : „Alle Regierungen sollen Plastik verbieten! Sofort, heute! Nanoplastik ist schon in unserem Blut nachgewiesen. Wir vergiften Ozeane und das Leben im Wasser wie im Boden. Mit unserem Plastilmüll können wir sechsmal die Erde einwickeln!“ Ich erinnere mich, dass der Filmclub in Ratzeburg mehrere Filme über den menschlichen „Fußabdruck“ in der Natur gezeigt hat, darunter „Immer noch die unbequeme Wahrheit“ oder „System Fehler“, früher auch „Planet Plastik“.

Wenn man unter Menschen gerne lebt und ihnen gerne zuhört, wird einem ein Meer von Meinungen über aktuelle Probleme in die Ohren „gespühlt“. Jeder hat einen Standpunkt zu aktuellen Problemen, schimpft auf Parteien und Regierungen, übt Kritik Richtung Medien. Vor einem Monat (19/21.5.18) schrieb der Schriftsteller Salman Rushdie in der „Süddeutsche Zeitung“, dass in den Medien „wichtige Informationen und totaler Müll mit scheinbar gleicher Autorität nebeneinanderstehen“. „Wie bekämpft man die politischen Demagogen“, fragt Ruschdie, „die anstreben…den Glauben der Öffentlichkeit an Beweise zu unterwandern und ihren Wählern zuzurufen: Glaubt niemandem außer mir, denn ich bin die Wahrheit!“

Rushdie kennt die Antwort nicht, aber er meint, dass „in jeder Gesellschaft der Wahrheitsbegriff das Produkt einer Auseinandersetzung ist. „Demokratie ist nicht freundlich“, sagt Salman Rushdie, „Sie ist oft ein Schlagabtausch auf öffentlicher Bühne. Wir müssen an der Diskussion beteiligt sein, wenn wir eine Chance haben wollen, sie zu gewinnen.“ Weiter sagt er: „immer wieder stehen wir in den Trümmern der Wahrheit. Und es liegt an uns, Schriftstellern, Journalisten, Philosophen, die Aufgabe des Wiederaufbaus zu übernehmen. Wir müssen den Glauben unserer Leser an die Realität und die Wahrheit wiederherstellen.“

Im Rathaussaal haben wir vor kurzem einen informativen Vortrag von einem Sänger aus den USA mit politischen Liedern gehört. Bucky Halker bereist zu Zeit Deutschland. Vor Ratzeburg hat er in Mölln gesungen. Thüringen steht auf seinem Programm, der bekannte Ort der Musikfestivals: Rudolstadt. Man kann Vorträge über viele Länder der Welt im Rathaus hören, Ausstellungen besuchen, selbst eine Diskussion starten. Nur falls man in seinem zu kleinen innerem Häuschen bleibt bleibt die Welt „aus den Augen aus dem Sinn“ . Es wird aber auch für Eigenbrötler schwieriger, die Probleme der Welt zu ignorieren; in Ratzeburg leben inzwischen Menschen aus 58 Nationalitäten…